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nium nur mit 2 stimmen majorität gewählt wurde, während der unfähige
kirchgessner die vota der linken und der oesterreicher erhielt!
hierauf bestieg gagern die tribüne und verlas das Programm des neuen
cabinets in Bezug auf oesterreich, seine (und meine) bekannte Ansicht,
welche aber allerdings in der form etwas schroff hingestellt war, indem
das ministerium von der voraussetzung ausgehen zu wollen erklärt, daß
oesterreich bereits aus dem Bundesstaate ausgetreten anzusehen sey.
darüber gab es großen lärm auf beyden seiten, und der Ausschuß, welcher
heute zur Begutachtung dieser vorlage gewählt wurde, besteht aus 11 mit-
gliedern der neuen coalition (gebildet aus der linken, den oesterreichern,
vielen Bayern und den ultramontanen) gegen 4 der bisherigen majorität.
kirchgessner ist vorsitzender, giskra Berichterstatter! der sturz des mi-
nisteriums scheint also vor der thür, wenn nicht die coalition gesprengt
wird oder das österreichische ministerium in der Zwischenzeit eine wie
immer geartete, bestimmtere erklärung abgibt, denn der haupt grief der
versammlung gegen gagern’s Programm besteht allerdings darin, daß er
das österreichische Programm vom 28. November als einen definitiven Aus-
spruch oesterreichs annimmt, während viele in der versammlung darin
noch keine so categorische erklärung sehen wollen.1
ich habe mich von allen diesen infamen intriguen so offen und feierlich
als möglich losgesagt, dem ministerium versichert, daß ich trotz meines
Austrittes durchaus keine opposition machen werde, und bin darüber wie
natürlich mit den meisten meiner landsleute zerfallen. nur Wenige, wie
deym, laube, hayden etc. bleiben mir treu, ich habe aber heute den Anfang
gemacht, diese Zahl zu vermehren, und hoffe in jene cabale eine starke
Bresche zu schießen. meine Adresse an meine Wähler ist sehr à propos
gestern in der Oberpostamtszeitung erschienen und wirkte vortrefflich, in
und außer der nationalversammlung.2
1 gemeint ist die regierungserklärung des ministeriums schwarzenberg am 27., nicht 28.11.
1848 vor dem reichstag in kremsier. in Bezug auf das verhältnis zu deutschland hieß es
darin: „nicht in dem Zerreißen der monarchie liegt die größe, nicht in ihrer schwächung
die kräftigung deutschlands. österreichs fortbestand in staatlicher einheit ist ein deut-
sches wie ein europäisches Bedürfniß. von dieser überzeugung durchdrungen, sehen wir
der natürlichen entwicklung des noch nicht vollendeten umgestaltungsprozesses entge-
gen. erst, wenn das verjüngte österreich und das verjüngte deutschland zur neuen und
festen form gelangt sind wird es möglich sein, ihre gegenseitigen Beziehungen staatlich
zu bestimmen. Bis dahin wird Österreich fortfahren, seine Bundespflichten treulich zu er-
füllen. in allen äußern Beziehungen des reiches werden wir die interessen und die Würde
Österreichs zu wahren wissen, und keinerlei beirrenden Einfluß von Außen auf die unab-
hängige gestaltung unserer inneren verhältnisse zulassen.“
2 frankfurter oberpostamts-Zeitung v. 18.12.1848, Wien 10. dec. Adresse des freiherrn v.
Andrian an seine Wähler. Andrian betont in diesem mit london, ende november 1848
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien