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20122.
Dezember 1848
ich gehe wahrscheinlich trotz aller dieser geschichten in 3–4 tagen nach
england zurück, um meine Abberufungsschreiben zu überreichen und so-
dann wieder hieher zurück zu kehren, ich finde an dem Hierseyn jetzt doch
nur ein sehr geringes interesse, denn ich glaube nicht mehr an die Bedeu-
tung dessen, was hier geschieht, soviel ist mir klar, hier werden die ge-
schicke deutschlands nicht entschieden werden, und am allerwenigsten die
von oesterreich.
[frankfurt] 22. december Abends
ich reise wahrscheinlich übermorgen ab, zu meinem großen verdrusse ist
durch den plötzlich eingetretenen frost die rheinschifffahrt unterbrochen,
und ich muß die langweilige landfahrt nach cöln machen. in 3, längstens
4 Wochen hoffe ich wieder hier zu seyn, auf wie lange, weiß gott, ich glaube
nicht auf lange, denn die komödie hier naht sich ihrem ende, wenigstens
für uns oesterreicher,1 ich glaube, daß ich trotz meiner schwarzgelben ge-
sinnungen einigermaßen schwer von hier in die heimath zurückkehren
werde, es war doch eine interessante, vielleicht die interessanteste episode
in meinem leben, und trotz aller vernunft attachirt man sich doch bis zu
einem gewissen Punkte an ein Werk, an welchem man so lange mitgear-
beitet hat, dazu kömmt noch: wie werde ich mich in der heimath zurecht
finden, wo sich seitdem so Vieles ohne mich zugetragen hat?
das einzige Bedeutendere, was sich hier in diesen tagen begab, ist
schmerlings Abreise nach olmütz, mit persönlichen Aufträgen des erzher-
zog Johann (dessen rolle immer kläglicher wird), um vom österreichischen
datierten schreiben die notwendigkeit eines starken österreich „im europäischen und be-
sonders im deutschen interesse“ und wendet sich gegen den derzeit herrschenden „nati-
onalitätsschwindel.“ man werde einst einsehen, „daß es noch höhere Bindungsmittel un-
ter den menschen gibt, als das einer gemeinsamen sprache.“ österreich jedenfalls könne
„nicht auf einer vorherrschenden nationalität, sondern auf der gleichberechtigung aller
nationalitäten gegründet sein.“ deshalb müsse der bisherige dualismus zwischen öster-
reich und ungarn beseitigt werden, bei gleichzeitiger „vollkommener provinzieller selbst-
ständigkeit und voller gleichberechtigung aller nationen“, jedoch mit „einem politischen
mittelpunkt für ganz oesterreich […] mit einem Worte: Wien muß der mittelpunkt eines
österreichischen Bundesstaates werden.“ es sei daher unmöglich, dass ein teil österreichs
dem neuen deutschen Bund, den Andrian so stark als möglich wünscht, angehöre. öster-
reich würde sonst in letzter konsequenz „ein ostreich, und eben dadurch ein slavenreich.“
dagegen sollten österreich und deutschland einen staatenbund von zwei ebenbürtigen
kontrahenten bilden „beiden zum vortheil, zu schutz und trutz […] lassen sie uns als
Brüder friedlich und freundschaftlich nebeneinander wohnen, ohne gewaltsam die Wider-
strebenden zusammen zu zwängen.“
1 „die große comödie, die wir seit 7 monathen spielen, naht ihrem ende, ich habe sie nie an-
ders als das einer Comödie angesehen.“ (Andrian an seine Schwester Gabriele, 22.12.1848;
k. 114, umschlag 662).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien