Seite - 202 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 202 -
Text der Seite - 202 -
Tagebücher202
ministerium wo möglich eine klarere Antwort über oesterreichs verhältniß
zu deutschland zu erhalten. das reichsministerium hat an dieser sendung
keinen Antheil gehabt (désavouirt dieselbe, wie ich heute höre, sogar), ob-
wol schmerling mit seiner gewöhnlichen eitelkeit sich das Ansehen gab,
als unternehme er sie in seinem interesse, quasi um gagern zu retten. das
ministerium wollte mich oder deym schicken, und mohl sprach mir in die-
sem sinne, ich lehnte aber ab, es convenirt mir nicht, dem österreichischen
cabinette gegenüber als unterhändler einer fremden macht aufzutreten,
und es ist ohnehin dabey wahrscheinlich nichts zu holen als ein abermali-
ger fiasco.
übrigens befolgt oesterreich consequent seinen Weg und hat so eben er-
klärt, mit der centralgewalt nicht anders als durch das ministerium des
Auswärtigen correspondiren zu wollen! der Ausschuß über gagerns Pro-
gramm wird in den ersten tagen Jänners seine Anträge stellen, und dann
wird die schlacht losgehen. Bis dahin dürfte schmerling eine Antwort er-
halten haben, welche wahrscheinlich nicht viel neues enthalten wird, bis
dahin aber dürfte auch, wie ich hoffe und daran arbeite, die unnatürliche
coalition gesprengt seyn. viele bereuen schon jetzt und denken an die fol-
gen. gagern ist gutes muthes, d.h. er weicht der entscheidung nicht aus,
vielleicht hat er die sache sogar noch mehr auf die spitze gestellt, als mir
gerade recht ist.
[frankfurt] 24. december Abends
morgen reise ich, es thut mir leid, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach
die große discussion über die österreichische frage, respective über ga-
gerns Programm versäumen werde, diese wird gegen den 4. oder 5. statt-
finden, einstweilen habe ich hier conferirt und laborirt, hoffentlich nicht
ohne nutzen. gagern war heute lange bey mir, wir sprachen wie natürlich
hauptsächlich über jene große frage, er ist ein edler, fester, und jedenfalls
bedeutender mann.
einen nachfolger in london werde ich wahrscheinlich gar nicht erhal-
ten, da Banks sich weigert, in der dänischen verhandlung unter Bunsen
zu stehen.1 diese verhandlung wird immer verwickelter. der könig hat
am 15. eine Proclamation erlassen, worin er die gemeinsame regierung für
ungesetzlich erklärt.2 Wir haben darauf Englands bons offices angerufen,
1 der hamburger Politiker edward Banks war als außerordentlicher Bundestags-gesandter
in london und kopenhagen mit den verhandlungen in der schleswig-holsteinschen frage
betraut.
2 es handelte sich um eine Proklamation des dänischen königs frederick vii. gegen die ent-
sprechend den Bedingungen des Waffenstillstands von malmö vom 26.8.1848 eingesetzte
gemeinsame regierung für schleswig-holstein.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien