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Tagebücher210
thom ist ein langweiliger alter diplomat de second ordre aus der frühe-
ren schule. Aber auch diese kleinen deutschen diplomätchen, schweizer,
Wendland, stockhausen etc. sind entsetzlich bornirte kerls, jämmerliche
unterthänige Aufpasser und Phraseurs. gestern war ich mit schweizer
beym minister der auswärtigen Angelegenheiten drouyn de l’huys, qui re-
cevait, und sah da eine menge menschen, lord normanby, lagrénée, ce-
cille, gabriac und marescalchi aus Wien, callimachi etc. und den sehr ge-
scheidten chef des ministerium, mr. cintrat. dann meinen Badner freund
heeckeren d’Anthez etc., ich perorirte viel und ging dann mit schweizer in
die variétés in ein ganz köstliches stück le lion empaillé, überhaupt sind
diese kleinen theatres in Paris eine wahre Wonne, dort traf ich cochelet
aus london, und Palochay!! es kommt mir fast komisch vor, daß solche
leute noch leben. lazzi teleki ist noch immer hier und wüthet gegen oe-
sterreich, ich bin neugierig, ob er zu mir kommen wird?!
Auch meine freundin Plunkett habe ich besucht und war gestern Abend
noch auf einem Ball de „petites femmes“, wozu ich von einer mad. lejeune
eine schriftliche einladung erhalten hatte. überhaupt ist in dieser Bezie-
hung Paris noch immer das alte.
ich habe jetzt guizots eben erschienene schrift de la démocratie en
france gelesen, ganz der beschränkte, fest in sich abgeschlossene Pedant,
der er immer war,1 der hartnäckigste, gläubigste champion quand’ même
der jetzigen civilisation, keine einzige neue idee, was ich mir darauß ab-
strahirt habe, ist lediglich die nothwendigkeit, auf das ständische Prinzip
in der repraesentation anstatt des jetzigen rein mathematisch numeri-
schen zurückzukommen, um den interessen der einzelnen klassen in der
gesellschaft geltung zu verschaffen, ohne vernichtungskrieg der einen ge-
gen die anderen, und das Bekenntniß, daß die Zeit der centralisation selbst
in frankreich vorüber sey.
ich wundere mich, wie meine schriften über oesterreich, deren ich als
einer längstvergangenen sache gar nicht mehr gerne gedenke, überall be-
kannt sind. hier, wie in england, sprachen mir minister und staatsmänner
davon, im Quarterly review (glaube ich) war während meines Aufenthaltes
in england die rede davon, kurz man ward dort und hier jetzt darauf auf-
merksam, während ich es jetzt schon zur alten geschichte rechne.
[Paris] 20. Jänner
die Zeit vergeht mir hier sehr schnell, angenehm und interessant, und doch
habe ich keine ruhe, bis ich in frankfurt bin, ich reise übermorgen Abends
ab und bin am 24. nachmittags dort.
1 françois-Pierre-guillaume guizot, de la démocratie en france (janvier 1849) (Paris 1849).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien