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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 211 -
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21120. Jänner 1849 neulich besuchte ich Julie samoyloff, welche nun zum dritten mahle ge- heurathet hat, den comte de mornay, und hier lebt, wir hatten Beyde eine große freude uns zu sehen, post tot discrimina rerum. Amazilia war auch bey ihr und ist eine schöne elegante junge frau geworden, wie einen das alt macht! eine andere noch ältere, doch weit weniger liebe Bekannte suchte ich auf, die camerata, eigentlich mehr ihrer verwandtschaft wegen, weil ich dachte, da einen neuen und brillanten Kreis zu finden, jedoch scheint sie mir ziemlich vernachlässigt und unbedeutend zu seyn, wie denn über- haupt das napoleonische Wesen hier nicht mehr recht fort will, der nahme Bonaparte schlägt sich in frankreich durch diese Präsidentschaft erst recht gründlich todt.1 An louis napoleon selbst hatte ich einen Brief von lady Blessington, den ich gleich am ersten tage hinschickte, ich dachte, ich würde dadurch seine Bekanntschaft machen, doch hat er nichts von sich sehen noch hören lassen. da ich hier, freylich nur kurz, als Beobachter bin, so ist es mir sehr angenehm, so viele marquante menschen als möglich kennen zu lernen, wenn sich dieses auf eine natürliche Weise thun läßt. Wendland führte mich neulich zu thiers an einem seiner empfangs-Abende, wo aber soviele menschen waren, und gerade so interessante (für ihn) fragen behandelt wurden, nämlich die der vicepräsidenten der republik, daß ich nach der ersten Begrüßung zu keinem Worte mehr mit ihm kam. da ich nun nicht tapisserie machen wollte, so entfernte ich mich, nachdem ich eine Zeit lang mit mad. thiers gesprochen hatte, worüber, wie mir Wendland gestern er- zählte, thiers nachher sehr bestürzt that. man darf sich einem franzosen gegenüber nicht das geringste vergeben. übrigens ist ein salon und eine soirée nicht der ort, um leute kennen zu lernen, mit denen man eine län- gere conversation zu haben wünscht, und dieses habe ich mir denn auch ad notam genommen. in der Assemblée nationale war ich ein paar mahle, interessante verhandlungen kamen nicht vor. die haltung ist noch bey weitem lärmender und würdeloser als in der Paulskirche, besonders die Privatgespräche und das gesumme fortwährender und lauter. Wie anders ist es im englischen unterhause! vorgestern Abends war ich im Jardin d’hiver auf einem großen öffentli- chen Balle zu ehren des Präsidenten. das fest war sehr schön. neulich sah ich im vaudeville ein stück: la propriété c’est de vol, eine witzige und amusante Persiflage Proud’hons, der Socialisten und der Re- publik, unter fortwährendem gelächter und Beyfall des Publikums, und niemand wagt es doch, es auszusprechen, daß er die republik nicht wolle! 1 elisa napoléone Bacciochi, eine nichte napoleon i., hatte 1825 graf filippo camerata- Passionei di mazzoleni geheiratet, die ehe war seit 1832 getrennt.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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