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Jänner 1849
neulich besuchte ich Julie samoyloff, welche nun zum dritten mahle ge-
heurathet hat, den comte de mornay, und hier lebt, wir hatten Beyde eine
große freude uns zu sehen, post tot discrimina rerum. Amazilia war auch
bey ihr und ist eine schöne elegante junge frau geworden, wie einen das alt
macht! eine andere noch ältere, doch weit weniger liebe Bekannte suchte
ich auf, die camerata, eigentlich mehr ihrer verwandtschaft wegen, weil
ich dachte, da einen neuen und brillanten Kreis zu finden, jedoch scheint
sie mir ziemlich vernachlässigt und unbedeutend zu seyn, wie denn über-
haupt das napoleonische Wesen hier nicht mehr recht fort will, der nahme
Bonaparte schlägt sich in frankreich durch diese Präsidentschaft erst
recht gründlich todt.1 An louis napoleon selbst hatte ich einen Brief von
lady Blessington, den ich gleich am ersten tage hinschickte, ich dachte,
ich würde dadurch seine Bekanntschaft machen, doch hat er nichts von sich
sehen noch hören lassen.
da ich hier, freylich nur kurz, als Beobachter bin, so ist es mir sehr
angenehm, so viele marquante menschen als möglich kennen zu lernen,
wenn sich dieses auf eine natürliche Weise thun läßt. Wendland führte
mich neulich zu thiers an einem seiner empfangs-Abende, wo aber soviele
menschen waren, und gerade so interessante (für ihn) fragen behandelt
wurden, nämlich die der vicepräsidenten der republik, daß ich nach der
ersten Begrüßung zu keinem Worte mehr mit ihm kam. da ich nun nicht
tapisserie machen wollte, so entfernte ich mich, nachdem ich eine Zeit lang
mit mad. thiers gesprochen hatte, worüber, wie mir Wendland gestern er-
zählte, thiers nachher sehr bestürzt that. man darf sich einem franzosen
gegenüber nicht das geringste vergeben. übrigens ist ein salon und eine
soirée nicht der ort, um leute kennen zu lernen, mit denen man eine län-
gere conversation zu haben wünscht, und dieses habe ich mir denn auch
ad notam genommen. in der Assemblée nationale war ich ein paar mahle,
interessante verhandlungen kamen nicht vor. die haltung ist noch bey
weitem lärmender und würdeloser als in der Paulskirche, besonders die
Privatgespräche und das gesumme fortwährender und lauter. Wie anders
ist es im englischen unterhause!
vorgestern Abends war ich im Jardin d’hiver auf einem großen öffentli-
chen Balle zu ehren des Präsidenten. das fest war sehr schön.
neulich sah ich im vaudeville ein stück: la propriété c’est de vol, eine
witzige und amusante Persiflage Proud’hons, der Socialisten und der Re-
publik, unter fortwährendem gelächter und Beyfall des Publikums, und
niemand wagt es doch, es auszusprechen, daß er die republik nicht wolle!
1 elisa napoléone Bacciochi, eine nichte napoleon i., hatte 1825 graf filippo camerata-
Passionei di mazzoleni geheiratet, die ehe war seit 1832 getrennt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien