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Jänner 1849
dennoch aber fürchte ich für das frühjahr neue und bedenkliche stürme,
ungarn, die czechen, die serben und kroaten, italien, wo das verhältniß
immer unhaltbarer wird, und dazu die deutsche frage, welche man ge-
flissentlich verwickelt. Und auch in Deutschland sieht es nichts weniger
als rosenfarb aus, die Wahlen in Preußen (dank sey es dem unpopulären
ministerium und der ungeschickten verfolgungen von temme, Waldeck &
cons.1) fallen radical aus, die kammer in sachsen ist es im allerhöchsten
grade, und die bayerische scheint es ebenso zu seyn, dazu die ungewißheit
der hiesigen lösung, und der dänische unglückselige streit.
ich war heute 2 stunden lang bey gagern, ein edler fester charakter,
aber ob ein staatsmann?
[frankfurt] 30. Jänner Abends
der totaleindruck, welchen die hiesigen Zustände darbiethen, ist der des
vollständigsten katzenjammers, der nüchternsten enttäuschung, nicht ge-
rade der trostlosigkeit, denn man sieht, daß die dinge sich ihrer entwick-
lung nahen, und zwar einer solchen, welche wenigstens für Jene, die nicht
enthusiastische schwärmer gewesen oder auf das Prinzip der volkssouve-
ränität und auf die form des entstehens mehr als auf die sache selbst hal-
ten, ziemlich befriedigend seyn wird. die sitzungen in der Paulskirche sind
leer und matt, wenig Zuhörer, Alles scheint zu fühlen, daß die geschicke
deutschlands nicht dort entschieden werden werden. Welcher unterschied
gegen den Jugendrausch im frühlinge und sommer 1848!
Bunsen war gestern lange bey mir und besprach sich mit mir über die
deutsche frage. Bey meiner eigenthümlichen stellung bin ich von allen
Partheyen recherchirt und habe gerade jetzt eine große Popularität – auf
wie lange? denn gegen die kaiseridee und das allzugroße Preußenthum bin
ich ebenso unbedingt wie die übrigen oesterreicher etc., nur meine ich, daß,
da diese sache an sich schon unausführbar ist, es unnöthig ist, durch eine
überflüssige Opposition ganz ohne Noth Odium zu erregen.
Bunsen proponirte mir nun quasi im nahmen Preußens die garantie für
den ganzen territorialbestand oesterreichs inclusive der lombardie, wenn
oesterreich die sache hier fördern wollte. er meinte, ich solle mir es überle-
gen, und wir sollten dann etwa noch mit gagern etc. zusammentreten und
einen definitiven Vorschlag für das österreichische Cabinett ausarbeiten.
1 Jodocus temme und Benedikt Waldeck waren führende vertreter der linken der preu-
ßischen nationalversammlung und des neu gewählten preußischen landtags. Waldeck
wurde im mai 1849, temme bereits im dezember 1848 und nach seiner vorübergehenden
entlassung wegen der Wahl in die frankfurter nationalversammlung neuerlich im Juli
1849 wegen hochverrats angeklagt, beide verfahren endeten mit freisprüchen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien