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destages. Preußen und Bayern hatten noch bis mitte vorigen monats ihre
volle Zustimmung gegeben, als plötzlich (rechberg schreibt es Bunsen zu)
Preußen die sache fallen ließ und seine circularnote vom 23. erließ. nun
scheint man in olmütz nicht recht zu wissen, was man anfangen soll, und
operirt einstweilen gegen das preußische erbkaiserthum, und zwar, wie
ich nie bezweifelte, mit erfolg. Bayern hat in seiner heute eingelangten
note sich für ein directorium ausgesprochen, dasselbe wird Würtemberg
thun, dessen kammern sich vorgestern in demselben sinne wie am 9. die
bayerische ausgesprochen haben. hannover und sachsen wird ein glei-
ches thun, und somit wäre gagerns und der Preußen einheitsidee selig
entschlafen.
das österreichische ministerium wird von den czechen und slaven ge-
drängt (wo es heftig gährt), entschieden von deutschland auszutreten, und
ihnen zu liebe konnte, wie rechberg sagt, die note vom 4. nur ganz negativ
gehalten werden. dennoch will das ministerium die alten rechte oester-
reichs in Deutschland nicht aufgeben und seinen Einfluß auf dasselbe nicht
verlieren, worin ich ihm, nur nicht in der Wahl seiner mittel, ganz recht
gebe. ich sagte rechberg, nun müsse man auch etwas positives ausspre-
chen. die regierungen von der preußischen oberhauptsidee, für die nir-
gends ein enthusiasmus herrsche, abzubringen, sey ein leichtes gewesen,
eben dadurch aber habe Oesterreich eine doppelte Verpflichtung übernom-
men, nun auch mit einem positiven Antrage hervorzutreten. er solle aber
nicht glauben, daß es möglich sey, einem deutschen Parlamente auszuwei-
chen oder es auf das maaß jenes österreichischen Projektes (mit 12 stände-
mitgliedern!! eine neue Auflage des Bundestages) zu reduciren, ein solches,
und eine einheitliche vertretung nach Außen, seyen das minimum, welches
in deutschland annehmbar erscheinen würde, und eben weil oesterreich
sich einem solchen nicht unterordnen werde noch könne, müsse man dem
Wesen nach doch auf die idee des engern und weiteren Bundes zurück-
kommen, sonst werde Preußen Mittel finden, aus dem Zollvereinscongresse
nach und nach ein Parlament zu machen. Wenn oesterreich seinen politi-
schen Einfluß auf Deutschland behalte, so könne es dem Zustandekommen
dieses engern Bundesstaates ruhig zusehen, vorausgesetzt, daß die spitze
desselben keine einheitliche sey, und es sey dabey nur darauf zu wirken,
daß Bayern demselben nicht beytrete, aber auch nur Bayern, damit die üb-
rigen staaten stark genug blieben, um Preußen in dem engern Bunde die
Wage zu halten. ich warf ihm die grundzüge meines Planes einer neuen
Bundesacte hin, ohne zu sagen, daß er von mir komme, und rechberg war
im Wesentlichen ganz einverstanden und meinte nur, ob dieses hier und in
Berlin Anklang finden würde?
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien