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März 1849
liberaler vor märz 1848, sah ich schon am 14., daß wir zu weit getrieben
worden waren und wieder halben Weg zurück müßten, und das denke und
will ich noch heute, wir sind in oesterreich weder für eine volle Preßfreiheit
noch für den eigentlichen constitutionalismus (wenn dieser überhaupt bey
uns jemals möglich seyn wird) reif, unser Bedürfniß ist selfgovernment,
provinzielle selbstständigkeit und vereinigte Ausschüsse, vor Allem aber
Bildung und heranreifung des nationalcharacters. Auch das unsinnige in-
stitut der nationalgarden paßt für uns noch weniger als für Andere.
klarheit der Anschauung, consequenz in meinen überzeugungen und
feste entschlossenheit, ja rücksichtslosigkeit in ihrer durchführung, in
diesen eigenschaften glaube ich keinem nachzustehen, und unter denen
wenigstens, die seit einem Jahre mit mir in Berührung gekommen sind,
glaube ich wenigstens rücksichtlich der beyden ersteren niemand gefun-
den zu haben, der mir darin gleichkäme. Beynahe dasselbe getraue ich
mich hinsichtlich meines practischen sinnes und der geschäftsgewandt-
heit zu behaupten, in welcher Beziehung mir meine lange bureaukrati-
sche carrière und besonders der umstand zu gute kömmt, daß ich einem
großen staate angehöre, in welchem allein man einen großartigeren über-
blick über die geschäfte sich aneignen kann. in hinsicht auf äußere hal-
tung, auf den unentbehrlichen charlatanismus des staatsmannes, glaube
ich in diesem Jahre, welches mich in so viele verschiedene Positionen ge-
bracht hat, viel gewonnen zu haben, während mir noch immer viel zu ler-
nen übrig bleibt. der tändelnde, hausbackene beynahe triviale genre des
früheren oesterreicherthums erfordert einige Zeit, um ganz abgestreift zu
werden.
Parlamentarisches talent habe ich mir, wenigstens bis jetzt, weniger
gefunden, als ich gedacht hatte, vielleicht findet sich dieses, wenn der zün-
dende Funke der Begeisterung sich einfindet, wovon in diesen deutschen
Angelegenheiten bey mir nie eine spur da war. Auch fehlt mir der eiserne
fleiß und die beharrliche insistenz und verläugnung aller früheren ge-
wohnheiten, vor Allem aber das intriguentalent, um ein Parteiführer zu
werden. endlich geht mir bis nun noch eine wichtige eigenschaft ab, und
das ist die fortwährende, vollendete herrschaft über mich selbst. die lei-
denschaftlichkeit, die unfähigkeit einen Widerspruch zu ertragen, bricht
noch zu häufig durch, obwol ich auch da in letzterer Zeit viel gewonnen zu
haben glaube, kurz ich bin mir in manchen dingen noch zu jung. – – das
hauptfacit von Allem dem ist noch immer, wie es seit jeher meine überzeu-
sequent geblieben bin […] mein Wort ist wie gold, und mein nahme von der ganzen Welt,
von allen Partheyen geachtet.“ (Andrian an seine Schwester Gabriele, 8.3.1849; K. 114,
umschlag 662).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien