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März 1849
ein norddeutschland. vielleicht ist unter diesen umständen in Wien noch
terrain für meinen vorschlag.
diesen morgen ist überall eine telegraphische nachricht aus frankfurt
angeschlagen, die nationalversammlung soll gestern auf Welckers (!!) An-
trag den könig von Preußen zum deutschen kaiser ausgerufen haben!! ich
glaube nicht daran, aus hundert ursachen.1
daß schmerling durch nichts autorisirt war, eine Abwechslung im vor-
sitze des directoriums zwischen Preußen und oesterreich zuzugeben, hat
mir auch Prokesch bestätigt, es ist zu arg, wie es der mensch treibt.
Wien 19. märz Abends
Am 15. früh kam ich hier an.
ich habe seitdem mit den ministern, namentlich mit schwarzenberg,
stadion und Bruck, viel verkehrt und besonders mit dem erstern und dem
letztern ausführlich über die deutsche frage gesprochen, habe sie aber alle
ganz entschieden und einstimmig (wie man ihnen überhaupt entschieden-
heit und festigkeit in ihren Ansichten durchaus nicht absprechen kann)
gegen ein deutsches Parlament gefunden, sie erblicken darin nicht nur ei-
nen nachtheil für oesterreich, sondern auch die Permanenz der revolution
für deutschland selbst, durch die fortschreitende Annullirung der einzel-
staaten und selbst Preußens. ein nord- und ein süddeutschland, welches
letztere sich dann ganz, auch in materieller hinsicht, in oesterreichs Arme
werfen müßte, würde ihnen weit mehr zusagen. die Bedeutung der frank-
furter nationalversammlung schlagen sie meiner meinung nach viel zu ge-
ringe an.
Mein Projekt, welches ich mit ihnen nur oberflächlich besprochen habe,
hat daher allerdings nur wenig chancen. Alles hängt jetzt davon ab, wel-
chen Ausgang Prokesch’s sendung hat, ich kann an keinen erfolg derselben
glauben,2 denn er wird es nicht nur mit dem wetterwendischen könige,
1 tatsächlich stellte karl theodor Welcker am 12.3.1849 einen dringlichen Antrag, die na-
tionalversammlung möge angesichts der umstände die reichsverfassung nach der redi-
gierten fassung des verfassungsausschusses durch einen gesamtbeschluss annehmen und
„die in der verfassung festgestellte erbliche kaiserwürde dem könig von Preußen übertra-
gen.“ in der Begründung betonte er, dass er darüber keine sofortige debatte wünsche. der
Antrag solle zunächst gedruckt zirkulieren, und erst nach Ablauf einer Woche eine debatte
erfolgen.
2 „Politisch bin ich ziemlich zufrieden und habe gute hoffnungen, das ministerium ist ein
vortreffliches, wenn ich auch mit seiner Politik in der deutschen Frage nicht ganz einver-
standen bin, ich sehe sie viel und mache natürlich meine abweichende Ansicht geltend –
mit welchem erfolge? weiß ich noch nicht. für den Augenblick bleibt nichts anders übrig,
als den erfolg der sendung Prokesch’s, da diese einmal geschehen ist, abzuwarten.“ (And-
rian an seine Schwester Gabriele, 20.3.1869; K. 114, Umschlag 662).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien