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spruch genommen, mich sitzen lassen, so hatte mir z.B. gagern eine Aus-
arbeitung über die zukünftige unions- oder Bundesakte zwischen uns und
deutschland versprochen, auf die ich noch immer vergebens warte. indessen
hört man hier die verschiedensten gerüchte: von einer preußischen note,
worin jene regierung den österreichischen Antrag vom 9. dieses monats zu
dem ihrigen macht. dann wieder von der sprengung der nationalversamm-
lung durch österreichische und preußische truppen etc. ich halte Beydes für
gleich unwahr, und doch fürchte ich, daß etwas im Werke ist. hübner, von
dem ich überhaupt nichts gutes erwarte, hat vor ein paar tagen eine sen-
dung erhalten, aus der man mir ein geheimniß macht, ich muß trachten, ih-
ren Zweck irgendwie zu erfahren.1 überhaupt kümmern sich im ministerium
eigentlich nur schwarzenberg und Bruck (und auch letzterer, wie mir scheint,
nur als eine Art echo des ersteren) um die deutsche frage, und diese Beyden
sind so fest, ja ich möchte sagen leidenschaftlich bey ihren Ansichten, daß es
unmöglich ist, sie durch raisonnement davon abzubringen, besonders da die
Argumente, welche ich gegen sie anwenden kann, sich hauptsächlich auf die
stärke des einheitsdranges in deutschland und der nationalversammlung,
insoferne sie diesen repraesentirt, und auf die schwäche der regierungen
stützen, an welche beyde sie nicht glauben. es ist nicht Abneigung gegen
Preußen, sondern gegen frankfurt und die durch frankfurt ihrer Ansicht
nach repraesentirte und perpetuirte revolution, welche die minister leitet.
ich werde daher mit meinen ideen erst dann durchgreifen können, wenn,
wie ich glaube bald geschehen wird, die Zurückweisung des österreichischen
Planes vom 9. durch die regierungen dem hiesigen cabinette die Wahrheit
meiner Argumente gezeigt und es von der nothwendigkeit überzeugt haben
wird, in einer oder der anderen form auf die idee des engeren und weiteren
Bundes zurückzukommen. dieser moment scheint auch in vollem Anzuge,
in hanover hat stüve sich so eben ungefähr in diesem sinne ausgesprochen,
auch in Bayern will man, wie mir längst klar war, nur bis auf einen gewissen
Punkt mit oesterreich gehen, und wenn man in sachsen die jetzigen stupid
radicalen Kammern auflöst (was nächstens geschehen muß), so wird eine
conservativere, aber auch ebendeßhalb deutschere kammer folgen. oester-
reich wird sich in folge des verfehlten schrittes vom 9. auf einmahl isolirt
finden und am Ende noch um dasjenige negociiren müssen, was es noch vor
14 tagen hätte fordern können. so sehe ich die dinge an.
übrigens ist gar kein Zweifel, daß diese ganze frage für uns zwar eine
sehr wichtige, aber dennoch vergleichungsweise nur eine secundaire ist.
1 frh. Alexander v. hübner war in außerordentlicher mission nach Paris entsandt worden.
seine entscheidende Aufgabe war es, die neutralität frankreichs im italienischen krieg
sicherzustellen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien