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österreichische Partey in frankfurt ist in verbindung der linken wirklich
stark genug, um jetzt bey der 2. lesung die ganze verfassung zu vereiteln
– und was dann? ich sehe keinen Ausweg als einen gewaltsamen, wenn die
österreichische regierung nicht entweder in dem Punkte des volkshauses
nachgibt (was sie nicht kann) oder ihren nichteintritt in diesen engeren
Bund erklärt. dann muß aber eine 3. lesung erfolgen, an der die öster-
reichischen Abgeordneten keinen Antheil nehmen, sondern ihre Wirksam-
keit bis zur Berathung der unions- respective neuen Bundesakte suspendi-
ren.
radetzky ist bereits siegreich in Piemont eingerückt und hat mortara
und novara genommen, glück auf, mein feldherr, er marschirt jetzt auf
turin. dagegen gehen die dinge in ungarn schlecht. kossuth verstärkt
sich täglich. Bem hat die russen aus hermannstadt hinausgeworfen und
wüthet kannibalisch in dem armen siebenbürgen. Windischgrätz begeht
dummheiten und hat schlechte generale, der schlechteste ist lato Wrbna,
das einstige k.k. genie.
hübners sendung geht nach Paris.
übrigens langweile ich mich hier, denn ich habe nichts zu thun, die
leute, die ich sehe (z.B. im casino, wo ich aber weniger als sonst hingehe,
obwol ne sachant ou aller noch immer mehr, als ich wollte und vielleicht
sollte), sind so dumm wie sonst und schwadronniren zum entsetzen, ich
fühle mich déplacirt und désœuvrirt. Breuner war in olmütz und ist dort
nicht empfangen worden! Also noch immer die alten märzlichen rancunes!
das ist zu dumm, ich will in diesen tagen dahin gehen und bin neugierig,
wie ich werde empfangen werden.
[Wien] 30. märz vormittags
ich war in olmütz und bin, wie Breuner, nicht empfangen worden. vor-
gestern Abends fuhr ich hin, kam gestern morgens an und ging gegen 10
uhr zu grünne, welcher mir sagte, er müsse es vorher seiner majestät
melden, und ich möchte des Abends anfragen, schon dieses war bey dem
sonstigen mangel an etikette, welcher in olmütz herrscht, eine vorbedeu-
tung, als ich nachmittags zu grünne ging, sagte er mir, er müsse mir zu
seinem großen Bedauern eröffnen, daß der kaiser mich nicht sehen wolle,
da ich schon ziemlich darauf vorbereitet war (nach Breuners vorgang und
dem empfange von diesem morgen), so antwortete ich ganz ruhig, ich bäthe
ihn, seiner majestät zu sagen, daß ich hoffte, daß seine majestät von ih-
rer meinung über mich zurückkommen und mich ein andermal empfangen
würden, und daß ich die überzeugung hege, daß dieses binnen sehr kurzer
Zeit geschehen werde, indem ich mich durchaus frey von jedem vorwurfe
wüßte. ich sah dann den kaiser im theater, wo ich eine loge der seinigen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien