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Tagebücher240
[Wien] 31. märz Abends
die nationalversammlung hat am 28. den könig von Preußen zum erbli-
chen kaiser von deutschland erwählt, mit 290 stimmen, 248 enthielten
sich der Abstimmung, was ich wohl bey der linken, nicht aber bey den
oesterreichern begreife.1 übrigens hat die linke im verein mit diesen das
bloß suspensive veto durchgesetzt und wird wohl auch das in 1. lesung an-
genommene ultraradicale Wahlgesetz durchsetzen. die oesterreicher sind
jetzt, wie die heutige oberpostamtszeitung sagt, rein nur dazu in frankfurt,
um die Verfassung zu verderben. Ob das recht und politisch ist, bezweifle
ich. nun hat aber durch diese concessionen diese verfassung inclusive des
preußischen erbkaiserthumes die ganze linke in deutschland für sich, und
dieses dürfte zu ganz unerwarteten combinationen führen.
der könig von Preußen wird nun, wie ich glaube, eine ausweichende
Antwort geben und erklären, daß er zuvor die einwilligung der deutschen
regierungen einholen wolle. von diesen wird der größte theil, nämlich fast
alle kleinen und mittleren, sich dem votum der nationalversammlung an-
schließen, mit den andern werden diplomatische verhandlungen eingelei-
tet werden, bey denen Preußen sich auf dem unendlich günstigen terrain
befinden wird, die Nationalversammlung und die Mehrzahl der Fürsten
hinter sich zu haben. dahin haben wir es mit unsern politischen manœu-
vres gebracht. das habe ich heute stadion und Bach ganz dürre herausge-
sagt. Zwar glaube ich dennoch nicht an einen kaiser und noch immer an
die möglichkeit, in einer für oesterreich vortheilhaften Weise einen enge-
ren und einen weiteren Bund durchzusetzen, nur nicht in der Weise, wie
schwarzenberg bisher verfahren ist und allem Anscheine nach noch weiter
verfahren wird, der mann scheint mir mehr husar als minister zu seyn und
in seinen alten traditionen und alten menschen verpicht.
überhaupt habe ich gar keine rechte lust, mich so ganz unbedingt an
das jetzige ministerium anzuschließen, denn es hat, zum theile verschul-
det, größtentheils aber unverschuldet, viel odium zu tragen, dem es un
beau matin unterliegen könnte. einestheils steht es unter der fuchtel von
drey allmächtigen generälen, radetzky, Welden und Windischgrätz, wel-
che, wenigstens die beyden letzteren, viele ungeschicklichkeiten begehen,
die ihm zur last fallen, anderntheils begeht es deren selbst, z.B. in der
deutschen frage, und wird zu noch mehreren fortgerissen werden. da ist
es vielleicht besser, ich halte mich en réserve. ohnehin ist meine Wirk-
1 Am 27.3.1849 waren die Bestimmungen über das reichsoberhaupt mehrheitlich angenom-
men worden, wobei das erbkaisertum („diese Würde ist erblich im hause des fürsten, dem
sie übertragen worden. sie vererbt im mannesstamme nach dem rechte der erstgeburt“)
nur drei stimmen mehrheit hatte. die Wahl selbst erfolgte am tag darauf.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien