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April 1849
samkeit in frankfurt zu ende, und so werde ich denn wahrscheinlich hier
bleiben und suchen, in den hiesigen Provinziallandtag (als stufe zu dem
nächsten reichstage) gewählt zu werden. freilich tritt dieser erst im sep-
tember zusammen, und bis dahin ohne Beschäftigung zu bleiben, wird mir
sehr schwer fallen. mich mit bloßem studium, lektüre etc. zu beschäftigen,
dazu bin ich jetzt zu aufgeregt. es hat sich auch schon eine Art vorberei-
tendes comité für jene Wahlen bey Pereira etc. gebildet, wozu man mich
auch gebethen hat, und dessen Zweck ist, eine starke conservative Parthey
bey den Wahlen durchzubringen, woran ich auch, wie wenigstens jetzt die
Dinge stehen, nicht zweifle, denn Alles hat die Anarchie und die daraus
entstandene materielle Zerrüttung aller verhältnisse herzlich satt.
unsere glänzenden erfolge in italien electrisiren hier, desto schlechter
geht es in ungarn und siebenbürgen vorwärts.
[Wien] 3. April morgens
gestern sollte die deputation der nationalversammlung in Berlin ankom-
men, wir werden also übermorgen die Antwort des königs erfahren. in-
zwischen spricht man hier von seiner Abdankung, welche nicht unmöglich
wäre. Gewiß ist, daß er sich in großer Verlegenheit befindet. Aber in einer
nicht geringeren befindet sich unser Ministerium, welches endlich einzuse-
hen anfängt, daß es bisher auf dem holzwege war, es hat die Wahlen nach
frankfurt, welche es bisher mit solchem eifer betrieb, eingestellt. erzher-
zog Johann, dieses rindvieh, hat am 28. abgedankt, diese Abdankung aber
sodann auf gagern’s vorstellungen zurückgenommen und es dem ministe-
rio überlassen, ihn, sobald dieses mit dem Wohle deutschlands vereinbar
seyn werde, „seiner Pflicht zu entheben“!! Kann man stupider seyn? Das
war wieder eine der fehlgeschlagenen schmerling’schen spitzbübereyen.
daß der haß, welcher hier im cabinette sowohl als im Publicum gegen
frankfurt herrscht, durch diese letzten ereignisse nicht vermindert wor-
den ist, ist leicht zu begreifen, und wir werden es beynahe als eine makel
gutzumachen haben, daß wir in frankfurt gewesen sind.
Bruck ist noch [in] italien, um die friedensunterhandlungen mit sardi-
nien zu führen. diese ganze 5tägige campagne scheint piemontesischer-
seits beynahe eine comödie gewesen zu seyn, so schnell gab man nach den
ersten niederlagen nach, und es wäre mir lieber gewesen, radetzky wäre
nicht auf verhandlungen eingegangen, sondern nach turin marschirt, sol-
che feinde muß man vernichten, um ihrer sicher zu seyn.
siebenbürgen ist ganz in den händen Bem’s, und Puchner ist in die Wal-
lachey versprengt, Jellachich hat eine schlappe erlitten, görgey streift wie-
der bis Pesth und schemnitz, kurz, dort geht es spottschlecht, man möchte
Windischgrätz entfernen, wagt es aber nicht.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien