Seite - 246 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 246 -
Text der Seite - 246 -
Tagebücher246
in ungarn geht es schmachvoll, unsere truppen bis dicht vor Pesth zu-
rückgedrängt, und heute die nachricht, daß görgey Waitzen genommen hat.
kossuth steht mit 80.000 mann da und will comorn entsetzen, er hat auf
den 15. den landtag nach Pesth berufen!! unsere Armee murrt laut. Wel-
den geht morgen ab, um ein commando zu übernehmen. Windischgrätz aber
kann oder will man trotz des allgemeinen geschreyes nicht los werden. die
russen werden wohl, und in größerer Zahl, wieder einrücken, sie sollen die
Bedingung stellen, daß man ihnen die donaufürstenthümer überlasse!! Also!
es scheint, wir sind mitten in einer ministerkrisis. stadion ist „gesund-
heitshalber“ für 8 tage aufs land.1 schmerling muß in diesen tagen an-
kommen.
[Wien] 18. April
die nationalversammlung hat am 11. den Beschluß gefaßt: unter keiner
Bedingung in eine Änderung der verfassung einzugehen, und hat einen
Ausschuß ernannt, welcher darüber berichten soll, was nun in folge der
Antwort des königs von Preußen zu thun sey. die oberpostamtszeitung
und das ministerium halten entschieden an der endgültigkeit der verfas-
sung fest und provociren eine Agitation durch ganz deutschland, ein ge-
fährliches spiel. gagern scheint va-banque zu spielen. der eindruck, den
die österreichische verfassung in frankfurt machte, hat ihm oberwasser
gegeben und seine unglückselige kaiseridee, die schon so ziemlich beseiti-
get war, durchgesetzt. Aber an ihr und an dem Prinzipienstreite wegen der
vereinbarung könnte die nationalversammlung zerschellen. mittlerweilen
haben sämmtliche regierungen, mit Ausnahme der 4 königreiche, ihre
unterwerfung unter die frankfurterbeschlüsse erklärt, und Würtemberg
dürfte diesem Beyspiele folgen,2 den Ausschlag wird nun Bayern geben.
in Berlin spricht man von Abdankung des königs und der thronbe-
steigung des Prinzen von Preußen, der durch seine Frau influenzirt deut-
schere gesinnungen haben soll. von den österreichischen Abgeordneten ist
ein theil ausgetreten (jedoch ausdrücklich nicht über den Befehl (!!) der
österreichischen regierung), der größere theil hat erklärt zu bleiben,3 und
1 innenminister graf franz stadion war schwer erkrankt und wurde nach Baden gebracht.
er kehrte nicht mehr auf seinen Posten zurück, am 27. Juli 1849 wurde er abberufen.
2 in einer kollektivnote vom 14. April 1849 erkannten 28 kleinstaaten die reichsverfassung
an, am 25. April erfolgte die Annahme durch Württemberg.
3 eine entsprechende erklärung, dass sie ein „recht der österreichischen regierung, Abge-
ordnete abzurufen, weder anerkennen können, noch dürfen,“ unterzeichnet von 23 Abge-
ordneten, erfolgte am19.4.1849 in der nationalversammlung, nachdem zuvor in derselben
sitzung die österreichische note vom 5. April mit der Abberufung der mandatare verlesen
worden war.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien