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Mai 1849
mann beysammen, unabhängig davon operirt Jellachich mit Puchner, ca-
stiglione etc. im Banat, und Benedek kommt aus galizien. ganz ungarn
steht auf, der enthusiasmus ist groß, der von den slaven entthronte könig
ferdinand ist ihre losung, das volk im ernste, die führer exploitiren es.
und merkwürdig genug, auch in Böhmen, wo die czechischen führer mäch-
tig gegen die octroyirte verfassung agitiren (in einem solchen momente ist
dieß fast ein hochverrath), werden ähnliche stimmungen laut und daher
auch die sympathieen für die ungarn!! o menschliche verblendung! Wenn
nur die russen bald kämen, darüber erfährt man aber nichts bestimm-
tes, daß sie kommen, ist gewiß. in ungarn haben sich nach und nach über
20.000 Polen eingefunden, so daß es ein krieg der polnischen Propaganda
geworden ist. ich besorge, daß sowol die Abdication als die octroyirung,
wie es mein erster gedanke war, zur unrechten Zeit geschahen, man hätte
ungarn erst bezwingen sollen. kaiser franz Joseph, der unter solchen Aus-
picien anfängt, wird mühe haben, sich den nimbus und die liebe eines le-
gitimen herrschers zu erwerben, und in oesterreich ist dieses bedenklicher
als anderswo.
der könig von Würtemberg hat nachgegeben und die reichsverfassung
angenommen, dagegen hat Bayern sie abgelehnt und hält an den bereits
vor der 2. lesung vorgeschlagenen Abänderungen (darunter das directo-
rium) fest.1 in Preußen ist die 2. kammer aufgelöst, die 1. vertagt worden.
in Bayern fängt die Agitation zu gunsten der Anerkennung der verfas-
sung und für sofortige einberufung des landtages an, es ist ganz unmög-
lich vorherzusagen, was aus dem Zeuge werden wird, wenn sich die natio-
nalversammlung nicht zu einer 3. lesung und nahmhaften Änderungen
entschließt, oder aber eine revolution in Preußen den könig oder seinen
nachfolger zur Annahme nöthigt.
[Wien] 3. may
die russen sind in vollem einmarsche, in siebenbürgen sind sie schon von
3 seiten, 60.000 mann stark eingerückt, ebenso in galizien, von wo wei-
tere 80.000 mann kommen sollen, vom 6. bis 10. werden sie auf der eisen-
bahn von krakau bis hradisch transportirt werden. von uns marschiren
reserven etc. von allen seiten hinein, kurz es wird jetzt hoffentlich zu ende
kommen. der sogenannte reichstag in debreczin hat das haus habsburg-
1 in der bayerischen note vom 23.4.1849 hieß es, man habe „niemals anerkannt, daß der
nach frankfurt a.m. berufenen nationalversammlung das recht zustehe, die deutsche ver-
fassung einseitig ohne Zustimmung der regierungen festzustellen“ und könne daher „der
reichsverfassung, wie sie von der nationalversammlung in zweiter lesung beschlossen
worden ist, und der darauf gestützten Wahl eines erbkaisers ihre Zustimmung nicht er-
theilen.“ Württemberg dagegen hatte der verfassung am 25. April zugestimmt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien