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und es ist dabey jeder tag gewinn. doch dachte ich an die entfernung, so
daß, bis ich dort ankäme, der rechte Augenblick schon vorüber seyn dürfte,
dazu kam das Gerücht der bereits erfolgten Auflösung, endlich bedachte
ich, daß man derley odiosa wohl annehmen aber nie aufsuchen solle. Wäre
ich in frankfurt gewesen, das wäre so recht ein stück Arbeit für mich ge-
wesen, als schnitter einer überreifen frucht.
Preußen hat in dieser sache seit einigen Wochen unverantwortlich
dumm gehandelt, wenn ich es auch billige, daß es die frankfurter verfas-
sung nicht so crude annahm, sowohl ihres inhaltes als des Principes wegen,
so hätte es doch die nationalversammlung als seine mächtige stütze nie so
von sich stoßen sollen. diese letztere ist nunmehr durch ihre eigene schuld
allerdings moralisch vernichtet, aber wer verliert mehr dabey als Preußen?
ist die nationalversammlung einmal auch factisch zu ende, so werden Bay-
ern, hanover etc. ganz andere saiten aufziehen, und das günstige terrain,
auf welchem Preußen zu Anfang April stand, ist verloren. Auch hier hat es
ganz im interesse oesterreichs gehandelt, und man kann von schwarzen-
berg, dem getreuen fortsetzer metternichs, ebenfalls sagen: adroit dans les
petites choses, incapable dans les grandes.
übrigens ist gagern der wahre verderber der deutschen sache gewe-
sen, denn nur ihm schreibe ich es zu, daß, als die oesterreicher abberufen
wurden, die centren sich nicht (wie ich geglaubt und gehofft hatte) von
ihrer Allianz mit der linken los machten und diese wieder in ihre frühere
unbedeutendheit zurückdrängten. Aber als volkssouveränitätsnarr war
er ebensosehr gegen eine vereinbarung als nur vogt etc. es seyn konnten,
und wollte die regierungen durch friedlichen Widerstand des volkes (!!)
zwingen, als ob solches in Zeiten wie diese und bey einem volke wie das
deutsche möglich wäre. da war die linke vernünftiger, sie predigte offen
den Aufruhr und hat ihn an vielen orten erreicht, was das ende seyn wird,
weiß gott.
indessen sitzen radowitz, stüve, lerchenfeld und Beust in Berlin zu-
sammen und arbeiten an der zu octroyirenden verfassung.
ischel, 22. may Abends
Am 18. fuhr ich nach schloß Pichel bey krieglach, meine alte flamme ma-
rie Bujanovics zu besuchen. Am 19. nachmittags fuhr ich nach gratz und
ging dort spatziren. Am 20. früh kehrte ich nach Bruck zurück und fuhr
denselben Abend um 9 uhr im eilwagen mit eduard delmestry und seiner
frau, mit denen ich mich ganz unvermuthet zusammenfand (sie gingen
nach salzburg), bis Aussee, wo ich gestern nachmittags um 4 eintraf. Bald
darauf begegnete ich frau v. Binzer, die mich in ihre herrliche einsamkeit
nach Alt-Aussee einlud. ich nahm aber ihre einladung bloß für den Abend
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien