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sehe ich wirklich nicht ein, wie in deutschland ruhe werden soll, denn Bay-
ern und Preußen sind im eigenen lande viel zu sehr beschäftiget, um bedeu-
tendes leisten zu können, von uns gar nicht zu sprechen. daß wir die russen
rufen mußten, hat den nimbus von uns abgestreift, welcher uns seit August
vorigen Jahres umgab.1 oesterreich kann sich nicht selbst helfen.
Preußen, Bayern, sachsen und hannover sollen sich endlich über eine
verfassung geeinigt haben, und zwar über eine solche, welche von der
frankfurter nicht allzuweit absteht, und oesterreich soll sich damit einver-
standen erklärt haben. Also Bund im Bunde, gagernsches Programm etc.
o schwarzenberg! parturiunt montes etc. etc. Wäre dieses vor 3 Wochen
geschehen, so wäre all dieser spektakel nicht erfolgt.
linz 24. may nachmittags
gabrielle schrieb mir, sie könne vor dem 29. nicht kommen, weil kaiser
ferdinand solange in salzburg bleibt. ich verließ daher ischel gestern um 2
uhr, fuhr per dampfschiff nach gmunden, wo ich dank unsrer reiseeinrich-
tungen von 5 nachmittag bis heute früh 6 uhr sitzen mußte, sowie ich nun
hier von heute mittag bis morgen 7 früh auf das dampfschiff warten muß.
Als ich hier ankam, zog eben militär und nationalgarde von dem emp-
fange des kaisers ferdinand (der hier durchpassirt war) nachhause, und
ich gedachte des lärmens, mit dem ich vor 10 monathen hier eingezogen
war! Welch ein contrast!
– – e die dì che furono
l’assalse il sovvenir2
Was war das für eine rosenfarbe besoffene Zeit!
Die Nationalversammlung scheint sich selbst auflösen zu wollen, wenig-
stens tritt das casino und was sonst von der früheren majorität noch da
ist, in masse aus. dahlmann arbeitet die Austrittserklärung aus. ob auch
gagern austritt?3 doch glaube ich, daß noch immer 150 mitglieder bleiben
1 gemeint ist der sieg der österreichischen Armee in italien im August 1848.
2 Zwei Zeilen aus der ode „il cinque maggio“ von Alessandro manzoni, übersetzt u.a. von
goethe.
3 friedrich dahlmann und frh. heinrich v. gagern traten gemeinsam mit 62 weiteren Ab-
geordneten am 20.5.1849 zurück. in der Begründung heißt es, in der gegebenen situation
gäbe es nur zwei möglichkeiten: entweder zur durchsetzung der verfassung die Zentral-
gewalt zu beseitigen und so „das letzte gemeinsame und gesetzliche Band zwischen allen
deutschen regierungen und völkern zu zerreißen, und einen Bürgerkrieg zu verbreiten,“
oder auf die weitere durchsetzung der verfassung zu verzichten. sie hätten daher „unter
diesen beiden uebeln das letztere für das vaterland als das geringere erachtet,“ da die
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien