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Juni 1849
will es den nach dem preußischen reichswahlgesetzentwurfe zu berufen-
den reichstag beschicken und von diesem die vermittlung erwarten. dahin
wird es auch wahrscheinlich kommen, ein revisionsreichstag ohne oester-
reich, dasselbe hätte die nationalversammlung bey einer klügeren Behand-
lung auch und besser leisten können. gegen den erzherzog Johann zieht
Preußen, da er so beharrlich widerstand, gelindere saiten auf und sieht
seine unverzeihliche dummheit ein. die hundsföttische comödie in Baden
und der Pfalz geht zu Ende, ich hoffe, man wird das Blut in Strömen flie-
ßen lassen und nicht wieder humanitarischen unfug treiben. die süddeut-
schen, diese hundsföttische kellnernation, kann nur durch ein colossales
unglück zu etwas Besserem erzogen werden.
Baden 13 Juny vormittags
seit 9. bin ich hier und habe seit 11. eine Badekur angefangen, ich lebe sehr
einsam, gehe viel allein spatzieren und trinke Abends meinen thee bey
flore, bey der auch gabrielle seit vorgestern wohnt. Baden ist schon ziem-
lich voll, namentlich eine Menge geflüchtete Ungarn, doch convenirt mir
diese lärmende junge herrngesellschaft nicht mehr wie sonst, und so gehe
ich selbst meinen früheren besten Bekannten, z.B. Bethlen etc. so ziemlich
aus dem Wege. An solchen dingen bemerke ich es recht lebhaft, wie alt ich
seit einem Jahre geworden bin. von sonstigen Bekannten habe ich bisher
gesehen Hortense Galvani, Gräfinn Montecuccoli, die aus Mailand kömmt
und ebenfalls im sauerhofe wohnt, Joseph doblhoff etc., und neulich in
vöslau Pereira und fries.
in stuttgart hat die rumpfversammlung damit begonnen, den erzherzog
abzusetzen und eine verantwortliche regentschaft zu ernennen, bestehend
aus ravaux, vogt, schüler, h. simon und Becher!!1 die hundsfötter treiben
es doch zu arg. die würtembergische regierung hat gegen diesen Beschluß
protestirt, und nun bin ich neugierig, was geschieht, hätte das rindvieh,
der erzherzog, die nationalversammlung vor 3 Wochen aufgelöst, so wäre
es nicht dahin gekommen, er aber läßt sich von hier aus leiten, und schwar-
zenberg scheint es vollkommen recht zu seyn, wenn Alles drüber und drun-
ter geht, ein misérabler machiavel en petit pied, denn er wird dabey doch
nichts gewinnen. übrigens ist die verwirrung in deutschland allerdings
jetzt größer als je. Bayern hat sich entschieden gegen das dreykönigspro-
ject erklärt, die kleinen staaten, die sich frankfurt angeschlossen hatten,
laviren und wissen nicht, was sie thun sollen. rotenhan hat mir neulich
1 die Beschlüsse wurden in der ersten und zweiten sitzung in stuttgart, die beide am
6.6.1849 stattfanden, getroffen. von den gewählten gehörte nur der Württemberger Au-
gust Becher nicht der nationalversammlung an.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien