Seite - 274 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 274 -
Text der Seite - 274 -
Tagebücher274
ausgegangen, herumgeschlendert, im Park etc., um 3 esse ich, meistens
im casino, mit Allegri, louis forgács, calman Almásy etc., auch allein.
dann sitze ich wieder ein paar stunden im Park und athme frische luft,
dann nachhause. um 7 oder 1/2 8 wird zur eisenbahn gegangen und dort
die Abendblätter abgewartet. Abends trinke ich meistens thee bey flore,
wo auch gabrielle seit ein paar tagen wieder ist, doch geht sie übermor-
gen nach ischel. so einförmig auch dieses leben ist, so schlägt es mir doch
durch das viele im freyen seyn sehr gut an, ich fühle nach und nach meine
halb eingeschlummerten lebensgeister (namentlich puncto des schönen
geschlechtes) erwachen und freue mich dessen. ich habe mir eben meine
hübsche Pauline k. auf etliche tage heraus kommen lassen. im ganzen
sind nicht viel Leute hier, meist geflüchtete Ungarn, die mit Spannung
den Ausgang des krieges abwarten, also lauter sogenannte gutgesinnte,
aber dennoch unter sich sehr verschieden, die einen sind voll leidenschaft
und Wuth und reden nur vom hängen, köpfen etc., die Andern, und zwar
die große mehrzahl, können sich doch nicht enthalten sauere gesichter zu
schneiden, wenn wir fortschritte machen, weil ihnen die nationale eitel-
keit über den eigenen säckel geht, übrigens ganz das lärmende, schwadron-
nirende, übermüthige, leichtsinnige, aber doch gutherzige und im grunde
edle Barbarenvolk wie sonst.
[Baden] 5. July
Bey comorn haben wir eine glückliche Affaire gehabt, jedoch ohne großes
resultat. die ungarn stehen unter dem schutze der festung und haben sich
durch die bey neutra, trentschin etc. gestandenen insurgenten verstärkt,
in welchen orten die russen eingezogen sind, wir werden daher schwerlich
nach Pesth vorrücken können, sondern dieses Paskewitsch überlassen müs-
sen, der in diesem Augenblicke schon dort seyn dürfte. in Pesth herrscht
panischer schrecken, es hat bereits blutige emeuten gegeben, und kossuth
wird argwöhnisch bewacht. inzwischen marschirt ein anderes russisches
corps auf debreczin. Jellachich soll szegedin genommen haben. clam und
lüders sind in siebenbürgen eingerückt und haben kronstadt genommen.
der kaiser erregt die Begeisterung der soldaten durch seinen heldenmuth,
namentlich bey der einnahme von raab, wo er immer vorne war.
erzherzog Johann ist nach gastein abgereist, jedoch um nach 8 Wochen
wieder in frankfurt zurück zu seyn? der Bruch zwischen der centralge-
walt und Preußen ist vollständig, und letzteres hat seinen Bevollmächtig-
ten abberufen! die badischen insurgenten halten sich noch in rastadt. der
congress in gotha hat sich für Annahme des dreykönigsprojektes als ent-
wurf, für baldigen Zusammentritt eines reichstags zur revision desselben
und für Betheiligung an den Wahlen ausgesprochen. Aber die drey könige
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien