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Juli 1849
Alles dieses macht zusammen einen chorus, der einen leicht verwirren und
irre machen kann. ich aber sehe noch immer keine andere Alternative als:
Zerfall der österreichischen monarchie oder durchführung der verfassung,
natürlich cum grano salis, da sie einmal gegeben ist, eine andere frage ist,
ob ich sie so gegeben hätte. darüber habe ich schon im februar und märz
dieses Jahres so gedacht, wie ich jetzt denke.
Preußen manœuvrirt seit einiger Zeit entsetzlich dumm, nicht nur das
fortwährende insolente ignoriren der centralgewalt, sondern jetzt auch
noch der dänische Waffenstillstand, der weit schlechter ist als der von
malmöe, und dieses unmittelbar nach dem unglücklichen treffen bey fri-
dericis, dessen Ausgang allgemein preußischem verrathe zugeschrieben
wird!1 Alles dieses wird der preußischen suprematie in deutschland einen
starken stoß geben. Am ende ist mir die Zähigkeit und consequente unthä-
tigkeit der österreichischen Politik noch lieber als dieses ewige schwanken
der preußischen. übrigens hat Preußen die natur der dinge für sich, wie
sie gegen uns, wenn aber trotz dem etwas verdorben werden kann, so wird
es durch dieses Benehmen Preußens verdorben werden.
[Baden] 27. July
rastadt ist genommen und somit der badische Aufstand fertig, die preußi-
sche occupation wird aber wohl noch lange dauern und ist nothwendig, ich
hoffe, süddeutschland wird die Bluttaufe erhalten, obwol mir bis jetzt noch
immer eine unzeitige milde vorzuwalten scheint. Wir haben uns das ridi-
cule gegeben, ein Armeecorps mit vielem geschrey in Bregenz aufzustel-
len und, statt geradezu auf der Basis der Bundesacte einzurücken, unsere
mitwirkung Preußen durch die centralgewalt anbiethen zu lassen, welche
natürlich abgelehnt wurde, wobey wir uns beruhigten. Blunders über Blun-
ders!
Übrigens tritt jetzt, da diese Episode ausgespielt hat, die definitive Ord-
nung der deutschen frage wieder in den vordergrund, und zwar unter sehr
ungünstigen Auspicien, nie war das Zerwürfniß so groß. Preußen hat durch
seine insolenz und den dänischen traktat viel terrain verloren.
in ungarn ist die entmuthigung sehr groß. görgey hat sich zwar durch-
geschlagen, wird aber von allen seiten verfolgt und kann nicht entwischen.
Jellachich hat eine schlappe erlitten und sich nach syrmien zurückziehen
müssen, doch rückt jetzt haynau nach szegedin ihm zu hülfe. Bey comorn
ist blos ein Beobachtungs- und cernirungskorps zurückgeblieben.
1 die seit mai 1849 eingeschlossene jütländische festung fredericia (fridericia) wurde am 6.
Juli von dänischen truppen entsetzt. der Waffenstillstand wurde am 10. Juli von Preußen
ohne vorherige Zustimmung der Zentralgewalt geschlossen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien