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Wahrnehmungen sind auf wenige menschen und noch wenigere stände be-
schränkt), daß die stimmung hier nicht nur in den untersten klassen, son-
dern auch zum theile im Bürgerstande noch immer sehr schlecht sey. die
letzten momentanen succés der ungarn vor comorn und raab haben unter
diesen leuten großen Jubel erregt, denn sie lassen es sich nicht nehmen,
daß die ungarn für die freiheit Aller, auch der Wiener, kämpfen, und sie
hassen im militär und in der regierung ihre unterdrücker und warten auf
den tag der rache. so ist die gutmüthige Wiener Bevölkerung geworden.
Bildung und volkserziehung thäte da vor Allem noth, gerade darin ist aber
bisher noch gar nichts geschehen.
in ungarn geht es im großen gut, ein paar brillante Affairen an der
theiß, temeswar entsetzt, auch raab wieder genommen, der große krieg
ist wohl bald zu ende, wie lange aber wird der kleine dauern?
[Wien] 20. August früh
entscheidende ereignisse in ungarn. görgey hat am 13. mit 30–40.000
mann sich an general rüdiger ergeben, als er haynaus sieg bey temeswar
erfuhr und sich von 3 Armeekorps: haynau, schlick und rüdiger umzingelt
sah. Kossuth und Bem sind in die Türkey geflohen. Kossuths Absetzung
und görgeys ernennung zum dictator scheint sich denn doch zu bestäti-
gen, wenigstens hat görgey gleichzeitig an die commandanten der 3 noch
von den insurgenten besetzten festungen comorn, Arad und Peterwardein
den Befehl zur übergabe geschickt, und Arad hat sich auch in folge dessen
ergeben. leider weiß man, obwol die telegraphische depesche schon am 17.
hier anlangte, noch immer keine détails, da der courier ohne sich hier auf-
zuhalten zum kaiser nach ischel ging. Auch die minister erfuhren nichts.
der ungarische krieg scheint demnach zu ende, und zwar in der vor-
theilhaftesten Weise, durch freywillige unterwerfung, freylich in der zwölf-
ten stunde, doch hoffe ich, daß dieses dénouement den guerillakrieg verhü-
ten (einzelne räuberbanden wird es geben, doch wird man mit ihnen bald
fertig werden) und die endliche Pacification bedeutend erleichtern wird.
Heute werden in Mailand die Ratifikationen des Friedens ausgewechselt,
und Bruck soll damit hier ankommen. mittlerweilen hat radetzky eine all-
gemeine Amnestie mit namentlicher Ausnahme von 86 individuen publi-
cirt.
ich war neulich lange bey Bach, doch sagte er mir nichts über eine mir
zugedachte Bestimmung, und ich berührte es natürlich ebenfalls nicht. ich
werde daher auf keinen fall lange mehr hier bleiben, sondern, sobald das
Wetter besser wird, eine excursion wahrscheinlich nach salzburg, tyrol
etc. machen, braucht man mich, so wird man mich schon zu finden wissen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien