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28931.
August 1849
[Wien] 27. August Abends
venedig hat sich am 29. auf gnade und ungnade ergeben, ich warte mit
großer neugierde auf details über die schlußkatastrophe und über den Zu-
stand venedigs bey der übergabe.
in mailand hat es am 18. bey der geburtstagsfeier des kaisers einen
kleinen krawall gegeben, ein Beweis, wie noch die stimmung dort ist, und
wie schwer die Pacificirung seyn wird.
comorn und Peterwardein haben sich noch nicht ergeben, doch dürfte
dieses stündlich erfolgen, die noch übrigen ungarischen korps ergeben
sich fast ohne schwertstreich, wir haben nun schon an 80.000 gefangene
und überläufer. die sache ist ganz zu ende. Paskewitsch ist bereits ab-
gegangen, und haynau verlegt sein hauptquartier nach Pesth zurück.
die russen haben uns sämmtliche gefangene übergeben, und mit Aus-
nahme der frühern k.k. Offiziere, der Chefs und einiger „besonders zu be-
zeichnende“ Personen hat haynau sie Alle begnadigt. die meisten werden
nachhause geschickt. die husaren nach italien. kossuth und Bem sind
flüchtig.
ich fahre morgen früh mit dem dampfschiffe nach linz und will eine
kurze, 6 bis 8tägige excursion nach salzburg und ischel machen, ich habe
mich erst heute dazu entschlossen und reise mit egbert und richard Bel-
credi, ersterer ist schon seit einigen tagen hier und war viel bey mir. Wenn
ich zurückkomme, so werde ich mich einer mehrwöchentlichen Behandlung
unterwerfen müssen, um meine harnbeschwerden zu heben, welche durch
die schwefelbäder sehr verschlimmert worden sind. diese neue Bescherung
kömmt mir sehr ungelegen, stört mich in meinen Plänen, meiner lebens-
weise, und bekümmert mich, was ist der mensch doch für eine jämmerliche
gebrechliche maschine.
salzburg 31. August Abends
ich verließ Wien am 28., war am 29. um 8 uhr früh in linz und ging mit
den Belcredis dort spatzieren. nach tische trennte ich mich von ihnen und
fuhr per eisenbahn nach lambach, wo ich schlief. gestern früh fuhr ich
in einem fiaker über schwan[en]stadt, Puchheim, längs des kammersees,
über s. georgen, mondsee und thalgau hieher, wo ich spät am Abende
ankam, eine herrliche fahrt. hier wimmelt es von Bekannten und ver-
wandten, überhaupt ist es ein gewoge von reisenden wie am rhein und
in der schweiz, sur la grande route de l’europe. ich habe bisher, d.i. heute
die eynattens, müllers und nachmittags iréne und louis Arco gesehen,
welche letzteren ich begegnete, als ich ihr schloß Anif besehen wollte, und
die mir die honneurs desselben machten. Auch die Belcredis sind mir heute
nachgekommen. morgen fahre ich nach Berchtesgaden, um gabrielle zu
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien