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besuchen. das Wetter ist herrlich, die gegend non plus ultra, und so waren
der heutige und gestrige tag sehr angenehm. ich wollte über ischel zurück,
hörte aber eben, daß Gräfinn Bergen noch immer dort sitzt, was meine Pro-
jecte dérangirt, lange kann ich ohnehin nicht von hause wegbleiben, weil
ich meine schwanzcur bald anfangen will.1
erzherzog Johann ist neulich hier durch auf seiner reise nach frankfurt,
er wird heute oder morgen in hohenschwangau beym könige von Bayern
eintreffen, wohin auch felix schwarzenberg kömmt. da wollen dann diese
drey Weisen etwas erkleckliches für deutschland auskochen. J’en doute.
inzwischen hat die preußische regierung den kammern über die deutsche
frage Bericht erstattet und sämmtliche Akten vorgelegt. die reden Bülows
in der 1. und radowitz’s in der 2. kammer sind fest und entschieden. das
unionsproject, welches canitz in Wien übergab, will die diplomatie oester-
reichs und des deutschen Bundesstaates concentriren, ein unionsdirecto-
rium von 4 stimmen in regensburg bestellen, wovon oesterreich 2 und den
vorsitz, der Bundesstaat ebenfalls 2 hätte. oesterreich kann sich aber sei-
ner eigenen auswärtigen Politik nicht begeben, sich nicht die hände binden
lassen, selbst angenommen, daß die übrigen großmächte sich eine solche
concentration gefallen lassen sollten.2
[salzburg] 2. september Abends
ich habe ein paar recht angenehme und schöne tage in dieser herrlichen
gegend verlebt, gestern war ich in Berchtesgaden, um gabrielle zu be-
suchen, und machte mit ihr die fahrt zum königssee und über densel-
ben zum Bartholomäusschlößchen, wo wir am ufer des sees aßen. heute
nachmittag war ich im klingensteinerhof, wo Arthur und resi Pallavicini,
clementine mocenigo und die alten spaurs wohnen, also ein kreis von
alten und lieben Bekannten, und fand zu meinem unsäglichen erstaunen
spaur in einen liberalen verwandelt! morgen reise ich ab und dennoch
über ischel, wo ich zwar nur ganz kurz bleiben, doch aber die Bergen be-
suchen will. gabrielle erzählt mir, daß sie sehr viel und sehr warm von
mir spricht, und besonders so, und mit intention, gegen die höchsten herr-
schaften, mit denen sie viel umgeht. das ist hübsch von ihr, obwohl es
sonst nicht viel zu bedeuten hat.
1 im vorhergehenden eintrag v. 27.8.1849 klagt Andrian über harnbeschwerden.
2 gemeint ist die denkschrift v. 9.5.1849, die vom preußischen sondergesandten frh. karl
Wilhelm v. canitz nach Wien überbracht wurde. die österreichische regierung beantwor-
tete sie am 16. mai abschlägig, am 25. mai brach darauf Preußen die sondermission nach
Wien ab.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien