Seite - 291 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 291 -
Text der Seite - 291 -
2918.
September 1849
kremsmünster 4. september Abends
gestern gegen Abend kam ich nach ischel und sah Abends noch ziemlich
viele leute: coudenhovens, troyers, schweiger etc. heute früh auf der es-
planade sah ich eine solche menge Bekannter und Wienergesichter, daß ich
beschloß sogleich abzureisen, um so mehr, als Gräfinn Bergen eben heute
ihre abreisende freundinn fürstinn Biron (welche ich 1844 in mailand als
fürstinn mestcherski gekannt hatte) nach gmunden begleiten wollte, ich
sie daher heute den ganzen tag nicht gesehen hätte. ich hatte ihr gestern
durch constance troyer, die zu einer soirée zu ihr ging, meine Ankunft mel-
den lassen, und daß ich sie heute früh auf der esplanade zu sehen hoffte.
Jedoch erschien heute nur madlle Wausselle mit dem Auftrage, mich zu ihr
zu führen.
ich fuhr dann um 10 ab, nach ebensee und gmunden, und brachte einige
sehr heitere und gemüthliche stunden mit ihnen zu, es waren fürstinn Bi-
ron, Gräfinn Bergen, Madlle Wausselle, Mona Bombelles und ich, wir blie-
ben bis 5 beysammen, dann trennte sich Alles, fürstinn Biron um nach linz
und Wien, die Andern um nach ischl zurückzufahren, ich nahm die Post
und fuhr hierher, von hier denke ich morgen mit dem eilwagen bis mölk zu
gehen und dort das übermorgige dampfschiff nach Wien zu nehmen.
meine reise war sehr angenehm, leider zu kurz, müßte ich nicht nach
Wien zurück, so wäre ich gerne noch länger in den Bergen geblieben, bey
diesem herrlichen Wetter. ich habe einige sehr liebe Bekannte wiedergese-
hen und einige recht vergnügte stunden zugebracht, das Zusammentreffen
mit Gräfinn Bergen hat, wie es scheint, uns Beyde sehr erfreut, sie viel-
leicht noch mehr als mich, der ich in diesen letzten monathen noch um
einige grade mehr blasirt worden bin. übrigens ist es unmöglich, dieser
frau nicht gut zu seyn, sie hat nur einen fehler, oder was ärger ist, ein
ridicule, welches ihr aber bey uns in oesterreich den hals brechen würde,
und dieses sind ihre fürstlichen Prätensionen.
Wien 8. september
meine rückreise über kremsmünster, stadt steyer und mölk geschah in
der Art, wie ich es mir vorgenommen hatte, und ich kam also vorgestern
nachmittags hier an. Am selben Abende reiste der kaiser auf einige tage
ab – wohin? weiß niemand. viele vermuthen nach Pillnitz zu einer Bespre-
chung mit dem könige von Preußen, überhaupt scheint in der deutschen
frage jetzt etwas geschehen zu sollen. felix schwarzenberg war nicht in
hohenschwangau, sondern in linz, wo er eine unterredung mit dem kö-
nige von Würtemberg hatte, worauf dieser nachhause zurück kehrte. das
corps in vorarlberg wird verstärkt. erzherzog Johann ist in frankfurt ein-
getroffen, wo auch der Prinz von Preußen seinen Wohnsitz aufgeschlagen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien