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September 1849
sprengter honvéds bedeutend verstärkt worden ist, soll an 20.000 mann
betragen. Jetzt ist das cernirungscorps beysammen, von nugent befehligt,
aus oesterreichern und dem russischen corps grabbe’s bestehend. man
spricht, daß die serben jetzt re bene gesta schwierig zu werden anfangen
und sich wieder bey s. tamas verschanzen. der Zankapfel ist die unglück-
liche Woiwodina, welche man ihnen in den Zeiten der gefahr ziemlich un-
überlegt versprochen hat, und die nun, wie es scheint, unausführbar ist.
überhaupt dürften croaten, serben, militärgrenzer, romanen und ruthe-
nen, alle diese neuerfundenen nationalitäten, uns noch manche nuß zu
knacken geben.
Mittlerweile wirthschaftet Haynau fort: Tausende von ungarischen Offi-
zieren, darunter leute von großen nahmen, werden als gemeine abgestellt,
in Pesth wird eine Art monsterprozeß vorbereitet, da Alle, welche in irgend
einer eigenschaft bey den ereignissen betheiliget waren, sich vor dem dor-
tigen Kriegsgerichte zu stellen haben. Geldstrafen und Confiscationen wer-
den fortwährend verhängt, sowie auch todes- und gefängnißstrafen von
den verschiedenen kriegsgerichten, wegen Aufreizung zum Widerstande,
verheimlichung von Waffen oder kossuthschen Banknoten etc. diese letz-
tern werden unbarmherzig verbrannt, so daß den leuten gar kein tausch-
mittel bleibt, während man in venedig der carta patriotica doch vor der
hand noch 50 % des Werthes ließ. der kaiser hat zwar das standrechtliche
verfahren eingestellt, so daß mit wenigen ganz unbedeutenden Ausnah-
men niemand von der frühern ungarischen Armée erschossen wurde, aber
das kriegsrechtliche verfahren geht seinen gang, es wäre hohe Zeit, daß
da endlich ordnung geschafft und eine gehörige (wenn auch vor der hand
noch militär-) regierung eingeführt würde, hoffentlich geschieht dieß in
diesen tagen. der kaiser kam gestern von Pillnitz zurück. haynau und Jel-
lachich sollen ankommen und den conferenzen über ungarn beywohnen,
die aber nur 3–4 tage dauern werden, denn am 15. geht der kaiser nach
laibach, triest, croatien etc. f. giulay dürfte civil- und militärgouverneur
von ungarn werden.
Wegen italien habe ich, obwol ich Bruck bisher noch nicht sprechen
konnte, mit vergnügen erfahren, daß man meine Ansicht wegen der thei-
lung in 2 kronländer theilt, die Prügelgeschichte in mailand hat viel böses
Blut gemacht, und man schreibt sie Pachta zu.1
schwarzenberg wird immer mehr lieutenant und überwirft sich ohne
alle noth mit aller Welt, namentlich aber mit england, das soll groß und
würdevoll seyn. Was mich betrifft, so dürfte mir die statthalterey von triest
1 Am 18.8.1849, dem geburtstag kaiser franz Josephs, kam es in mailand zu starken anti-
österreichischen demonstrationen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien