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Tagebücher294
(dazu görz und istrien) oder die von mailand zugedacht seyn, nous verrons,
ob und wie ich es annehmen kann. otium cum dignitate ist besser als eine
unpassende stellung.
inzwischen habe ich meine cur begonnen und werde täglich vormittags
mit Bougiren1 gemartert. doch hoffe ich auf erfolg, und es war hohe Zeit,
gestern wurde ich durch einen 2stündigen krampf mit urinverhaltung er-
schreckt, der aber durch sitzbäder etc. gehoben wurde.
Ich muß jetzt öfters nach Baden fahren, da Gräfinn Khevenhüller gestor-
ben ist, für die arme flore in mannigfacher Beziehung ein unersetzlicher
verlust, die herzlosigkeit der hohen herrschaften, besonders der erzher-
zogin sophie, gegen die unglückliche erzherzogin marianne und ihr ganzes
haus übersteigt alle Begriffe.2 nicht nur ihre relegirung nach Baden, wo
sie nicht einmahl einen garten hat, sondern selbst in diesem Augenblicke
wurde ihr nicht gestattet, momentan sich wo andershin zu begeben. flore
dauert mich wirklich, leider kann ich ihr aber nicht helfen.
heute war der Buchhändler manz bey mir, um mich wegen herausgabe
einer Zeitung nach Aufhebung des Belagerungsstandes zu sprechen und
mich zugleich zu fragen, ob ich nichts über unsere gegenwärtigen Zustände
zu schreiben gesonnen wäre? An letzteres denke ich aus vielen gründen
nicht, wegen eines Blattes aber will ich jedenfalls bis nach erfolgter Auf-
hebung dieses Ausnahmszustandes warten und dann nach maßgabe der
verhältnisse überhaupt, und der meinigen insbesondere, mich entscheiden.
Auch brachte er mir Probebogen eines demnächst erscheinenden Buches
von schuselka, worin auch meiner gedacht und meine Beschäftigungslosig-
keit dem ministerium vorgeworfen wird.3
[Wien] 16. september
das große evénement ist jetzt radetzky, er kam am 13. mittags hier an, da
man erst am Abende vorher seine bevorstehende Ankunft erfuhr, so konn-
ten keine großen Anstalten zu seinem empfange getroffen werden, dennoch
wogte die stadt vom südbahnhofe bis zur Burg, wo er wohnt, voll men-
schen, alle häuser waren festlich geschmückt, und er wurde mit ungeheu-
erm Jubel empfangen. Wenn davon auch viel auf die angeborene schaulust
des Wieners gerechnet werden mag, so ist es doch kein Zweifel, daß bey
Weitem der größte theil es fühlte, daß oesterreich niemandem größeres zu
1 harnkatheter.
2 Die am 11.9.1849 verstorbene Gräfin Maria Khevenhüller-Metsch war Obersthofmeisterin
von erzherzogin maria Anna (marianne), der jüngsten tochter von kaiser franz i.
3 franz schuselka, deutsche fahrten. Bd. 1: vor der revolution. Bd. 2: Während der revo-
lution (Wien 1849). vgl. auch eintrag v. 6.11.1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien