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September 1849
verdanken hat als radetzky. seitdem spricht man nur von ihm, und wo er
erscheint, da drängen sich jubelnde haufen zusammen. der gemeinderath
will ihm in den redoutensäälen [sic] ein großes Bankett geben.
der kaiser wurde am selben tage, wo radetzky ankam, unwohl, daher
seine reise nach triest etc. aufgegeben ist, die eisenbahn von cilly bis
laibach wurde heute ohne ihn eröffnet. nun da radetzky, Jellachich und
haynau hier sind, sollen die conferenzen wie ich höre morgen beginnen,
und zwar sowohl über die neue organisation der Armée, welche statt wie
bisher in generalcommandos künftighin in Arméecorps getheilt werden
soll, als über die regelung der ungarischen verhältnisse. ob italien auch
abgehandelt werden soll, weiß ich nicht, übrigens ist die venezianische
deputation bereits angekommen. überhaupt benehmen sich die venezia-
ner mit vielem takte, boudiren nicht, fügen sich, ob gern oder nicht, in das
unabänderliche und haben radetzky auf das freundlichste empfangen.
Auch werden sie sich wahrscheinlich viel besser betten als die dummen
mailänder, gegen die radetzky besonders seit der infamen geschichte
vom 18. vorigen monats ganz wüthend seyn soll. die venezianer möchten
gerne ihren freyhafen, wenigstens auf ein Jahr, zurückhaben. Alexander
trubetzkoi ist hier und hat mir viele détails aus mailand erzählt. monte-
cuccoli ist ein schafskopf, wofür ich ihn immer gehalten habe, und ebenso
lichnowsky, der gouverneur der stadt mailand. Pachta ist abberufen.
nach Allem scheint es mir nicht unwahrscheinlich, daß man das mili-
tairgouvernement in lombardo venezien noch länger fortbestehen lassen
werde, ob dieß gut sey und nothwendig? kann ich von hier aus schwer
beurtheilen.
in triest und dem küstenlande ist der Belagerungszustand aufgehoben
worden, hier regt sich noch nichts, obwohl man es meiner Ansicht nach jetzt
unbedenklich thun könnte. Aber man zieht die Zügel immer straffer an und
möchte gar zu gerne ein soldatenregiment und eine militärische monarchie
haben, ohne zu bedenken, daß dieses bey uns nicht möglich ist.
das geldausfuhrverboth ist aufgehoben worden, und man erwartet in
verbindung damit die neue Anleihe. in folge dieser beyden maßregeln sind
die Papiere, welche z.B. die 5 % schon auf 99 1/2 gestanden waren, um ein
paar % gewichen, und das gold- und silberagio, welches bereits auf 10 und
5 1/2 % war, steht heute auf 13 und 7 1/2. im ganzen bessern sich unsere
geldverhältnisse bedeutend, und hoffentlich haben wir in dieser Beziehung
das schlimmste bereits überstanden.
in frankfurt sitzen jetzt erzherzog Johann und der Prinz von Preußen
ganz gemüthlich neben einander, ohne daß man weiß, was dieser letztere
eigentlich vorstellen soll. Eine Einigung sowohl über die definitive Gestal-
tung deutschlands als über die provisorische der centralgewalt scheint so
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien