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September 1849
[Wien] 26. september Abends
heute kam gabrielle mit erzherzogin hildegarde an, um, wie es scheint,
hier zu bleiben, was mir sehr angenehm ist, wenn ich auch nicht die Absicht
habe, lange mehr hier zu bleiben, und sogar für den fall, daß ich nicht ver-
wendet werden sollte, nunmehr daran denken muß, mich irgendwo für den
Winter zu casiren, hier zu bleiben als unbeschäftigter und daher auch, we-
nigstens vergleichungsweise, unbedeutender Pflastertreter halte ich nicht
für passend. Wahrscheinlich wähle ich Baden, um in der nähe zu bleiben
und von dort aus mit einem der hiesigen größeren Blätter in verbindung zu
treten, woran ich ernstlich denke, vielleicht mit der „Presse“, in deren re-
daction so eben ein Wechsel eingetreten ist, ich will nun einmahl mich mit
ihrem eigenthümer Zang besprechen. kolb schrieb mir neulich, ich möchte
doch mit der Allgemeinen Zeitung anknüpfen, aber ich habe keine rechte
Lust dazu, es ist mir mehr darum zu thun, Einfluß auf die Richtung eines
Blattes zu gewinnen, als einzelne Aufsätze zu liefern, und noch dazu in ein
auswärtiges Blatt.
nichts neues, obwohl Alles im Angriffe und in der gährung. Wegen un-
garn und italien noch immer nichts ins Publikum gelangt, zu welchem ich
jetzt gehöre. comorn will sich denn doch nicht ergeben, und es wird wohl
zum Angriffe geschritten werden müssen. die slovaken agitiren stark für
trennung von ungarn, im Principe wäre ich damit ganz einverstanden,
war es von je her, aber ob es nicht besser wäre, dieses dem ersten magya-
risch-slovakischen landtage zu concediren, statt es jetzt von oben herab zu
decretiren?
in Böhmen wird, wie in vorarlberg, ein observationscorps unter erz-
herzog Albrecht aufgestellt!! Wozu? gegen wen? doch nur gegen Preußen?!
es werden von allen seiten, von uns, von von der Pfordten in der bayeri-
schen und Brandenburg in der preußischen kammer, die diplomatischen
Aktenstücke in der deutschen frage veröffentlicht, die aber obige maßre-
gel durchaus nicht erklären. Denn die Frage über die definitive Gestaltung
deutschlands ist noch nicht spruchreif, welches oesterreich ja selbst und
am lautesten erklärt, und die verhandlung über die Bildung einer neuen
provisorischen centralgewalt ist ihrer friedlichen erledigung wenigstens
nicht ferner als bisher. mittlerweilen nähern wir uns frankreich immer
mehr, mein ex-college de Beaumont1 soll als gesandter hieherkommen
und hübner zum gesandten in Paris ernannt seyn, wieder eine schwarzen-
bergsche âme damnée!
1 gustave Beaumont de la Bonninière war von August bis dezember 1848 französischer ge-
sandter in london, während Andrian in dieser Zeit die provisorische deutsche Zentralge-
walt in der britischen hauptstadt vertrat.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien