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Tagebücher300
[Wien] 4. oktober
Am 28. wurde mir die operation der urethrotomie gemacht, nachdem man
mich früher aetherisirt hatte. von dem schnitte fühlte ich demnach gar
nichts, dagegen war das gefühl des Aetherisirens ein äußerst unbehag-
liches, welches mich auch nachher den ganzen tag nicht verließ. Am 29.
hatte ich ein leichtes Wundfieber, seitdem heilt die Wunde zu, nur habe ich
mit sitzbädern, umschlägen, einführen von Bougiren etc. noch immer zu
thun. Zuhause blieb ich blos 2 tage, den 28. und 29., und selbst am letztern
tage nur mit Ausnahme von ein paar mittagsstunden, während welcher ich
mich in die sonne im volksgarten setzte.
comorn hat sich am 27. ergeben und wird heute in Besitz genommen.
die Bedingungen sind: eine 8tägige löhnung für die Besatzung und für die
häupter freyer Abzug und ein geringes handgeld. diese milden Bedingun-
gen sollen radetzky zu danken seyn. haynau aber wollte sich selbst diesen
wohlfeilen lorbeer nicht nehmen lassen, nugent, der bisher die Belagerung
commandirte (und freilich schon längst pensionsreif ist), mußte abberufen
und pensionirt werden, und haynau reiste am 26. von hier ab, um die co-
mödie dort zu ende zu spielen. überhaupt wird über dessen eitelkeit, Brot-
neid und hochmuth sehr geschimpft. Beliebt war er nie, nicht einmahl bey
seinen Offizieren.
ich höre noch immer nichts über die künftige organisirung weder un-
garns noch italiens, letzteres dürfte wahrscheinlich noch fort unter mili-
tairregiment bleiben, welches sich überhaupt eher auszubreiten als zu ver-
mindern scheint. ich höre nun von einer neuen organisirung des heeres in
4 Arméen, die sich wieder in Arméecorps theilen soll.
summa summarum, ich glaube, ich werde den Winter in Baden zubrin-
gen, sobald ich überhaupt an locomotion denken kann (in 6–8 tagen),
werde ich mich entscheiden.
[Wien] 7. oktober
leidenschaft und rachsucht regieren immer mehr und stärker. felix
schwarzenberg ist ein österreichischer Palmerston (nur ein unfähiger),
eine erzherzogin sophie in Beinkleidern. oesterreich und rußland haben
die diplomatischen verbindungen mit der türkey abgebrochen, weil diese
(durch england und frankreich unterstützt) die Auslieferung kossuths &
c. verweigert hat. Beyderseits beruft man sich auf traktate, gewiß aber ist,
daß oesterreich weder die Auslieferung der italienischen noch der Wiener
flüchtlinge begehrt hat, ebensowenig als rußland die der Polen nach 1831.
Jedenfalls erscheint diese leidenschaftliche insistenz daher als unwürdig
und nebstdem als sehr ungeschickt, da wir unseren Zweck doch nicht errei-
chen werden (ein theil der flüchtlinge ist bereits zum islam übergetreten,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien