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Oktober 1849
beynahe von nichts Anderem, und niemand billigt es, selbst, zu ihrer ehre
sey es gesagt, die Offiziere nicht, welche überhaupt, voran die Radetzkyaner
und Jellachichianer, haynau nichts weniger als gewogen sind. Bey weitem
am meisten aber regt die hinrichtung Bathianys auf, sowol wegen ihrer ne-
benumstände (er wollte sich nämlich tödten, verwundete sich jedoch nur am
halse und wurde in folge dessen 12 stunden später anstatt gehängt erschos-
sen) als weil die meinung immer mehr Platz greift, daß es ein Justizmord
war. die Anklage der theilnahme an latour’s ermordung ist nämlich fallen
gelassen, und sein urtheil lautet auf hochverrath wegen seiner politischen
richtung als Premierminister, dann seines eintrittes in den reichstag nach
dessen Auflösung durch den Kaiser, endlich als Freywilliger bey den Hon-
veds. dinge, welche theils die todesstrafe nicht verdienen und bey Anderen
weit gelinder bestraft wurden, theils in die Periode vor dem 3. october, da
ungarn in kriegszustand versetzt wurde, fallen, theils aber nicht vor die
competenz eines kriegsgerichts gehören. Wie die minister seiner Zeit dieß
verantworten werden, wollen wir sehen, auch haben die Journale, welche mit
lobenswerthem muthe hier (nicht in ungarn) ohne Ausnahme ihren Abscheu
aussprechen, die minister an ihre verantwortung erinnert, und es wird ihnen
nichts helfen zu sagen, daß haynau pleins pouvoirs hatte, sie also, so sehr
sie die sache mißbilligten, nichts thun konnten. übrigens höre ich heute, daß
der gesunde sinn endlich die oberhand gewonnen hat. haynau, dieser bis-
sige, gemeine Bluthund, wird pensionirt, und schlick sein nachfolger.1 Zur
characteristik haynaus diene es übrigens, daß dieser gemeine lump jetzt
wenigstens noch um eine dotation bettelt und in einem fort weint.
radetzky kehrt dieser tage nach italien zurück, um dort weiter zu re-
gieren, und das jetzige Provisorium dauert unbestimmt fort, somit versäu-
men wir wieder den günstigen Augenblick, uns jetzt, da sich die franzosen
in italien so verhaßt gemacht haben,2 einigermaßen zu popularisiren. ra-
detzky sowie Jellachich, der noch lange hier bleibt, sind sehr unzufrieden
mit der hiesigen rathlosigkeit und unentschlossenheit.
die grundsteuer ist für das Jahr 1850 um 1/3 erhöht worden, in italien
um 50 %, ob sich dieses bey den jetzigen verhältnissen wird durchführen
lassen, werden wir sehen. unsere finanzlage ist sehr schlecht, und es ge-
schieht nichts, sie zu bessern, da man an eine reduction der Ausgaben,
vorab des heeres, nicht denken will, und die neue organisation enorme
mehrauslagen herbeyführen wird.
1 diese information erwies sich als falsch, general haynau blieb generalgouverneur von
ungarn.
2 durch die intervention gegen die römische republik und die Wiederherstellung der päpst-
lichen macht im kirchenstaat.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien