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Oktober 1849
lumpen, Woroniecki und dgl., heute aber höre ich von sigm. Perenyi’s hin-
richtung etc. die fremden, besonders englischen Blätter, selbst die bisher
ganz österreichisch gesinnten wie times, morning chronicle etc. donnern
gegen oesterreich, und wir haben es wirklich schon mit der gesammten öf-
fentlichen meinung in england zu thun, was nicht unwichtig ist. die frage
wegen Auslieferung der flüchtlinge aber scheint sich zu verwickeln statt
sich zu lösen.
man hat in siebenbürgen und ungarn einstweilen die früher bewilligte
Contribution ausgeschrieben, und zwar nur für die früher steuerpflichti-
gen. für die Andern, Adel, clerus etc. soll die Bestimmung nachfolgen! wie
ungeschickt!
das einzige, was mich hoffen läßt, daß die jetzige ebenso ungeschickte
als gefährliche richtung nicht anhalten werde, ist die unmöglichkeit für
die finanzen, allen diesen forderungen zu genügen. das heer von 600.000
mann, die neuen organisationen, die Ablösungsentschädigungen, die her-
stellung der valuta erfordern hülfsmittel, denen man bey der erschöpfung
aller klassen und namentlich ungarns nicht wird genügen können. das
Anlehen ist mit genauer noth zu stande gekommen und steht schon jetzt
2 % unter dem subscriptionspreise.
Alles was ich sehe und höre, wozu auch hauptsächlich meine unfreywil-
lige unthätigkeit in einer Zeit wie die gegenwärtige beytragen mag, erhal-
ten mich in einem gereizten Zustande, so daß ich den leuten aus dem Wege
gehe, um nicht mehr zu sagen, als ich wollte. um nun da einmahl ins reine
zu kommen, ging ich heute zu schmerling und sagte ihm, da nun die Po-
sten, deren einen man mir früher zugedacht habe, in folge einer systems-
änderung anderweitig besetzt worden seyen, wünsche ich nun positiv zu
wissen, ob und was man für mich in petto habe. so erwünscht mir auch eine
Beschäftigung wäre, so wolle ich mich doch weder dazu verpflichten, jede,
die mir gebothen würde, anzunehmen, noch länger auf eine Bestimmung zu
warten, indem ich jetzt gesonnen sey, meine Arrangements für den Winter
zu treffen und Wien zu verlassen, falls ich nicht eine besondere veranlas-
sung fände hier zu bleiben. ich sey weit entfernt, im geringsten um etwas
anzusuchen, sondern da man mich bisher so quasi festgehalten habe, wolle
ich nun definitive Antwort haben.
ich werde nun in ein paar tagen diese erhalten und mich hiernach ent-
scheiden. Alles wundert sich und fragt, warum ich nicht verwendet werde?
kleyle, der neulich lange bey mir war, rieth mir, wie er that, einen neu-
tralen inoffensiven Posten anzunehmen, nur um Beschäftigung zu haben,1
und dieses den ministern zu erklären, welche wahrscheinlich dächten, ich
1 karl v. kleyle war sektionschef im ministerium für landeskultur und Bergwesen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien