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Tagebücher312
Bureau kratie wird aber das land uns noch weit ärger entfremden als selbst
die kossuthsche rebellion.
inzwischen ist die Justizorganisation für ungarn erschienen, ebenso die
grundsteuerpatente für ungarn, siebenbürgen und kroatien,1 vorerst nur
für die frühern Steuerpflichtigen, d.h. die Unadeligen, für Adel, Klerus etc.
soll das Weitere nachfolgen, sobald man eine Basis der Besteuerung hat.
Also wieder stückwerk. überhaupt geht das ganze reorganisirungswerk
entsetzlich träge vorwärts, ernennungen, territorialeintheilung, verwal-
tung, Alles. vielleicht ist es wirklich nicht möglich schneller zu verfahren,
ich aber glaube, daß ich schneller fertig würde.
die landsverfassungen sollen bald publicirt werden, zugleich mit dem
eintritte der neuen politischen Behörden am 15. dieses monats. Auch an
den italienischen verfassungen wird gearbeitet. salm ist dazu berufen
worden! ich hörte von einem beyden gubernien gemeinsamen Parlamente
sprechen, und schrieb gleich einen Artikel im Wanderer dagegen,2 worauf
die ministerielle correspondenz jenen „abenteuerlichen“ Plan in Abrede
stellte, um so besser. übrigens sind im cabinette getheilte Ansichten, ob es
nicht besser wäre, den reichstag vor den landtagen zu berufen, um über-
griffen dieser letzteren vorzubeugen.
die „gutgesinnten“ werden immer ekelhafter und unausstehlicher, bald
wird ihnen fürst metternich als ein Jacobiner gelten. Parteyen gibt es hier
noch nicht, sondern nur individuen, eines so dumm wie das andere.
der Belagerungszustand (der übrigens bald aufgehoben werden soll – ? –)
wird jetzt strenger gehandhabt, wie man sagt auf persönliche vorwürfe, die
der kaiser Welden gemacht haben soll, namentlich geht es über die Presse
her, der „telegraph“ und die „Zeit“ sind suspendirt und schuselkas deutsche
fahrten3 verbothen worden. in letzteren wird u. a. meine und Auersperg’s!
(A. grün) unthätigkeit der regierung zum vorwurfe gemacht. mir selber
wird diese immer unerträglicher, und ich fange trotz Bach’s etc. versiche-
rungen zu zweifeln an, daß dieser, wenigstens von seiten der regierung, so
1 die grundsteuerpatente für ungarn und siebenbürgen erschienen am 20.10.1849, jenes
für kroatien am 31. oktober. die am 29.10.1849 im ministerrat beschlossene Justizorgani-
sation ungarns erhielt am 3. november die kaiserliche genehmigung.
2 der Wanderer v. 1.11.1849, Abendblatt: die landesverfassung der lombardisch-venetiani-
schen Provinzen. Wien, 1. november. in diesem ungezeichneten Artikel heißt es: „Wir kön-
nen nicht glauben, daß es ernstlich in der Absicht des ministeriums liegen könne, solche
gefährliche experimente zu machen, welche dem obersten grundsatze der verfassung […]
schnurstracks zuwiderlaufen, und den nationalitätsschwärmern und separatisten offen-
bar in die hände arbeiten würden.“
3 franz schuselka, deutsche fahrten. Bd. 1: vor der revolution. Bd. 2: Während der revo-
lution (Wien 1849).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien