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Tagebücher314
der landeschef von oberoesterreich, dr. fischer, war neulich bey mir,
doch erfuhr ich auch durch ihn nicht viel neues. ich verhalte mich fortwäh-
rend vollkommen passiv.
heute fand ich gabrielle, als ich zu ihr kam, in einem unauslöschlichen
gelächter, sie kam eben von einer Audienz, die Beaumont bey erzherzo-
gin hildegarde gehabt hatte. Wahrscheinlich croyant lui faire sa cour (!)
erzählte er der erzherzoginn, wie er mich als collegen in london gehabt
hätte, und ergoß sich dann in ein nie endendes lob über mich, „sachant que
se nom était cher à s.A.i.“ – ein dummes début für einen diplomaten.
[Wien] 21. november
der kaiser ist in Prag, schwarzenberg und Bach sind mit ihm, es ist
also jetzt ein kurzer stillstand von etwa 5–6 tagen. Wüßte ich wohin, so
wäre ich gerne auf diese paar tage fortgefahren. lange kann diese un-
gewißheit übrigens nicht mehr dauern, denn die ernennungen müssen
bald erfolgen, die länderchefs sind alle wieder abgereist. Mir sind noch
keine Anträge oder eröffnungen irgend einer Art gemacht worden, ich
kann also kaum glauben, daß mir ein statthalterposten zugedacht sey,
etwa ein höherer Posten im ministerium z.B. der eines sectionschefs?
das würde ich aber noch sehr zu überlegen haben. eines ist es, unabhän-
gig an der spitze einer Provinz stehen, und ein Anderes, ein collaborator
Bach’s in jener großen dummheitenfabrik, genannt ministerium des in-
neren, zu seyn.
ich wollte, man hätte mich ruhig nach nizza ziehen lassen, oder viel-
mehr, ich hätte mich nicht zurückhalten lassen sollen. die geistige impo-
tenz des ministeriums wird immer offenbarer. das ewige schwanken und
das geistlose schematisiren ekelt mich an, und ein staatsbankerott wird
immer wahrscheinlicher. krauss emittirt neben den Banknoten, deren curs
durch das Anlehen und die piemontesischen gelder gehoben werden sollte,
massen von Papiergeld ohne alle controlle, silber, gold und devisen stei-
gen wieder, ersteres steht schon wieder auf 10 %, und an eine reduction der
Armée wird nicht gedacht. ich höre nun schon stimmen leidenschaftlich
gegen das ministerium sich erheben, welche noch vor kurzer Zeit fanatiker
der ordnung waren, die ganze Presse tritt in eine immer entschiedenere
opposition, in ungarn geschehen nichts als dummheiten, warum läßt man
auch einen anerkannten narren wie haynau dort? Zur versöhnung ge-
schieht gar nichts, um so mehr aber, um sich im in- und Auslande so viele
feinde als möglich zu machen, kurz die österreichische erbdummheit ist
in ihrer dritten Phase: die erste hieß: erzherzog ludwig–metternich–ko-
lowrat, die zweyte: Pillersdorf–doblhoff, die dritte: schwarzenberg–Bach.
das ist es, was wir gewonnen haben.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien