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Tagebücher316
men deutschland regieren!! indessen hat der verwaltungsrath die Wahlen
zum erfurter reichstage auf den 31. Jänner ausgeschrieben. hannover und
sachsen protestiren. doch wird sich letzteres gewiß nicht, ersteres schwer-
lich halten können, und sogar Würtemberg wird bald hinüberkommen. der
engere und weitere Bund macht sich von selber, und schwarzenberg & c.
werden demnächst feierlichst in den orden der schafsköpfe aufgenommen
werden. – –
Jellachich schimpft wie ein rohrspatz über das ministerium, weil man
ihm nicht die Woiwodina, dalmatien und weiß gott was noch Alles geben
will, überhaupt fürchte ich, daß der mann und sein ehrgeiz, recte eitelkeit,
noch manche gefährliche nuß aufzuknacken geben wird.
Wir haben seit gestern plötzlich starken schnee, und heute früh waren
es 13° R. Kälte! Dieser so plötzliche Wechsel ist sehr empfindlich.
[Wien] 3. dezember
es schneyt seit 7 tagen fast unaufhörlich, die Posten bleiben 2, auch 3 tage
aus, auf den straßen liegen stockhohe schneehaufen, kurz es ist ein für
diese Jahreszeit beyspielloses Wetter.
ich habe trotz strasoldos versicherung noch immer keinen ruf erhalten
und bringe daher meine Zeit nach wie vor mit Warten und nichtsthun zu,
sitze beynahe bis zur essenszeit zuhause, Zeitungen lesend oder mich sonst
wie beschäftigend (nur mit dem studiren will es noch immer nicht recht
gehen, dazu beschäftigen mich die tagesbegebenheiten und die unsicher-
heit meines verbleibens hier, überhaupt meiner nächsten Zukunft zu sehr),
gehe Abends à mon corps défendant ins theater und nachher in das lese-
zimmer des casinos, wo ich wieder Journale, Zeitschriften etc. lese, meinen
thee dabey trinkend. Weder männer- noch Weibergesellschaft ist hier von
der Art, daß ich sie aufsuchen mag, vielmehr weiche ich den leuten aus,
indem mich selbst meine frühern besten Bekannten entweder langweilen
oder ärgern. da ich nun einmahl vor der hand nichts zu thun habe, so bin
ich am liebsten allein.
übrigens habe ich in diesen tagen mehrere Artikel für den Wanderer
geschrieben, namentlich über die deutsche frage, mehr für mich als für
die Andern, denn der Wanderer ist zwar ziemlich, namentlich außerhalb
Wien, verbreitet, jedoch scheinen ihm die übrigen Journale noch nicht
die ebenbürtigkeit zuzuerkennen, wenigstens polemisiren sie selten oder
nie gegen ihn, was mir in mehrfacher Beziehung leid thut. da ich aber
kein anderes Journal zu meiner verfügung habe und meinerseits keinen
schritt thun will, mich einem zu nähern, so skrible ich in gottesnahmen
mehr zur eigenen Beschäftigung und Belehrung von Zeit zu Zeit in den
Wanderer.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien