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Dezember 1849
die lossprechung Waldeck’s in Berlin macht große sensation und ist
eine tüchtige schlappe für die reaction, welch ein contrast mit der hier so
eben erfolgten freylassung dr. fischhofs ab instantia!1
neulich lernte ich Jellachich zum ersten mahle kennen, bey frau v. ritter.
[Wien] 15. december
Am 8. wurde plötzlich die „Presse“ für die ganze Zeit des Belagerungsstan-
des unterdrückt, wie man sagt auf Bruck’s verlangen, da sie sich sehr heftig
gegen den (meiner Ansicht nach sehr unzeitigen) Ankauf der ungarischen
eisenbahn ausgesprochen hatte.2 sie hatte zwar in letzter Zeit einen mehr
der form nach unanständigen als dem inhalte nach maßlosen ton der op-
position angenommen, aber dennoch, oder vielleicht auch gerade deßhalb,
hat diese suspension allgemeine und tiefe mißbilligung erregt. Welden
hatte, wie man sagt, nach ein paar tagen ihr Wiedererscheinen unter eini-
gen Modificationen bereits erlaubt, welches jedoch durch das Ministerium
wieder zurückgenommen und endlich gestern sogar einer der redacteure,
hübner, ausgewiesen wurde! diese gewaltmaßregel ist ebenso ungerecht
als unklug. Bruck macht sich immer mehr feinde, und man hört ganz kuri-
ose dinge über seine integrität äußern.
überhaupt war der Zustand vielleicht seit ich hier bin kaum so gedrückt
als jetzt, es herrscht panischer schrecken an der Börse, woran zum theile,
aber auch nur zum theile, wohl auch die speculation schuld tragen mag,
gold steht wieder auf 21 %, silber auf 12 %! der letzte Bankausweis, wel-
cher trotz der bereits eingezahlten 31 millionen aus den sardinischen gel-
dern und dem neuen Anleihen kaum eine nahmhafte Besserung zeigt, die
heimlichkeit in den finanzen, die ungewißheit über die Zahl des cursiren-
den Papiergeldes etc., Alles trägt dazu bey. man spricht viel von verände-
rungen im ministerium (jedoch ohne allen grund), und viele in- und auslän-
dische Zeitungen nennen u.a. mich als nachfolger Bach’s. ich werde schon
à conto dessen angegriffen, bald als Aristokrat, bald sonst wie, und man
1 der führer der preußischen linken Benedikt Waldeck war am 16.5.1849 unter dem vor-
wurf des hochverrats verhaftet worden. Am 3. dezember sprach ihn ein Berliner geschwo-
renengericht frei, wobei im Prozess die Basis der Anklage auf gefälschten Beweismitteln
scharf kritisiert wurde. Adolf fischhof war am 7.3.1849 wegen hochverrats und mitschuld
an der ermordung von kriegsminister Baillet de latour verhaftet worden, seine freilas-
sung erfolgte ohne öffentlichen Prozess am 2. dezember mangels an Beweisen. der verlust
der Bürgerrechte wurde dagegen erst durch eine Amnestie 1867 aufgehoben.
2 Am 7.12.1849 hatte die generalversammlung der hoch verschuldeten ungarischen cen-
tralbahn beschlossen, ihre linien an den staat abzutreten. die mit vertrag vom 7.3.1850
vollzogene übernahme verursachte kosten (inkl. übernahme von schulden und Aufkauf
der Aktien) in höhe von 20 mill. gulden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien