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Dezember 1849
und rache zu säen. doch rechne ich für die erhaltung des friedens auf das
Bedürfniß des Bürgers nach ruhe und erwerb und auf die Arméen, wenn
auch auf letztere nicht in dem maaße, als die meisten regierungen zu rech-
nen scheinen.
[Wien] 19. dezember
gestern hatte ich eine lange unterredung mit Bach, er trug mir (mit einiger
verlegenheit, und weil, wie er sagte, die meisten statthalterposten bereits
ihre unabweisbaren candidaten hätten!) die kreispräsidentschaft von görz
oder istrien an!! ich antwortete, daß er leute von fach und practischer
Erfahrung genug finden würde, welche einen solchen Posten ebensogut wie
ich versehen würden, daß daher für mich kein Anlaß vorhanden sey, in
patriotischer selbstaufopferung einen Posten anzunehmen, welcher mei-
ner stellung und Antecedentien nicht angemessen sey, ich lehnte also ganz
entschieden ab.
ich gestehe, daß ich mich durch diesen Antrag, welchen ich um so weni-
ger erwartet hatte, als alle Welt mich als statthalter (ja gestern cursirte
wieder das Gerücht meines Eintrittes an die Stelle Bach’s, unbegreiflich
woher entstanden?), und zwar, seitdem chorinsky gestern nach krain er-
nannt worden ist (ohne daß er darüber befragt wurde, ja nachdem er erst
vor kurzem auf Bach’s ausdrückliche Zusicherung seine familie von salz-
burg hieher gebracht und sich hier eine Wohnung genommen hatte), als
niederösterreichischer statthalter designirt, in meiner eigenliebe äußerst
verletzt fühlte, heute spreche ich nun mit oettl und schmerling, ersterer
war ganz betrübt über meine Weigerung, meinte, ich hätte dadurch in der
carrière fuß gefaßt, meine Wahl in den reichstag gesichert (was allerdings
viel für sich hat, da es bey den gegenwärtigen verhältnissen, und da ich
jetzt keinen grundbesitz habe, allerdings denkbar wäre, daß ich als Privat-
mann bey den Wahlen durchfiele), etc. Schmerling seinerseits redete mir
zu wie ein galgenpater, im ministerrathe habe man, als Bach heute meine
Weigerung berichtete, sie sehr bedauert und den Wunsch einer verständi-
gung mit mir ausgesprochen, ich solle mir die sache noch einmal überlegen,
Bedingungen stellen, die stellung in görz als einem kronlande mit eigenem
landtage etc. sey eine ganz andere als die der anderen kreispräsidenten,
es sey ohnehin nur ein übergangsposten, um dann bey der nächsten ver-
änderung nach triest, italien oder anderswohin zu kommen, etc. kurz er
trug mir an, er wolle noch einmal über die näheren verhältnisse mit Bach
sprechen und mir es dann mittheilen. Ich gab vorläufig nach, und so stehen
die sachen.
Bey dieser gelegenheit sah ich wieder mehr als je die schwäche und
halbheit des ministeriums, welches weder die macht hat, noch den muth,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien