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Tagebücher322
sich diese macht zu erwerben. Beynahe jede ernennung, ja jede maßregel
wird von demselben quasi à son corps défendant getroffen, aus rücksichten,
höheren Protektionen, camaraderie, oder um den im momentanen Besitze
Befindlichen nicht vor den Kopf zu stoßen. Und da sollte etwas Rechtes
herauskommen?! – –
ich bin noch völlig unentschlossen, die Beschäftigungslosigkeit wird mir
immer unleidlicher, und ich sehe ein, daß, wenn ich dießmal mich aus-
schließe, es auf eine geraume Zeit seyn wird, von außerordentlichen ereig-
nissen abgesehen. die unsicherheit meiner Wahl, das vergessenwerden
durch ein langes Privatleben, selbst pecuniaire rücksichten, das schiefe ei-
ner lange anhaltenden stellung wie meiner jetzigen zwischen dem ministe-
rium, dem hofe, der bodenlos dummen und leidenschaftlichen Aristokratie
und der sogenannten liberalen, i.e. demokratischen opposition, von Allen
gemieden und gehaßt, außer vielleicht von dem ersteren, und wenn ich ab-
lehne auch von diesem, und niemand hinter mir, da es eigentlich noch gar
keine Partheyen gibt. Alles dieses zusammengenommen liegt auf der einen
seite, auf der andern meine verletzte eigenliebe, einen Posten zu überneh-
men, welcher mich hinter leute wie kalchberg, Bissingen, fischer, stra-
soldo etc. zurückstellt, die im vorigen Jahr meine truppen waren. der ge-
danke, bey etwa vorkommenden außerordentlichen vorfällen in der Provinz
vergessen zu werden, auch selbst das enge, unangenehme Provinzleben etc.
[Wien] 27. dezember
man hat mich also abermals ersucht, den vorschlag wegen görz in erwä-
gung zu ziehen, es sey eigentlich de facto ein statthalterposten, die Abhän-
gigkeit von Wimpffen quasi null, in görz werde der landtag beyder kron-
länder: görz und istrien abgehalten werden (triest nimmt daran keinen
theil), also unter meiner ausschließlichen leitung, man will durch diese
vereinigung die italienischen tendenzen der istrianischen küstenbewoh-
ner neutralisiren, man wolle mir früher die Besetzungsvorschläge für die
Dienstposten jenes Landes mittheilen, damit ich darauf einen Einfluß neh-
men könne, auch pecuniair wolle man mich so stellen, wie ich wünsche (die-
ser letztere Punkt ist mir übrigens ziemlich gleichgültig, und ich werde dar-
über kein Wort verlieren). schmerling, durch den dieses Alles ging, sagte
mir, daß mein trockenes nein Bach sehr unangenehm war.
ich will nun zu oettl gehen und mir von ihm die Akten, Besetzungs-
vorschläge, landesverfassungsentwürfe etc. vorlegen lassen. längstens im
sommer sollen die landtage abgehalten werden, die landesverfassungen
aber werden nicht, wie man noch immer allgemein erwartet und wie es die
verfassung vom 4. märz will, noch vor schluß dieses Jahres publicirt wer-
den. man ist noch immer über einige grundprinzipien nicht einig.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien