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32714.
Jänner 1850
genannt volksstimme, ein Bischen aufzuklären, man braucht ihn nun ein-
mahl.
neulich besuchte ich meinen excollegen Beaumont, der in ein paar ta-
gen abreist.
[Wien] 14. Jänner
ich war neulich bey erzherzog Johann, er ist immer der Alte, erzählte mir
übrigens Manches perfide preußische Manöver, das ich noch nicht wußte.
Wahrlich, die preußische regierung und die unsrige haben in der deutschen
frage in ungeschicklichkeit gewetteifert. Auch die allerneueste königliche
Botschaft an die kammern, worin eine erbliche Pairie, Beybehaltung der
fideicommisse etc. gefordert werden, ist, fürchte ich, in diesem Augen-
blicke eine ungeschicklichkeit, so sehr ich sie auch im Prinzipe billige,1
da sie in den andern staaten, welche jetzt eben nach erfurt wählen sol-
len, einen unangenehmen eindruck hervorbringen wird. man spricht für
den fall, daß die kammern nicht einwilligen sollten, von der Abdankung
des königs, worauf der Prinz von Preußen, oder eigentlich seine frau, ein
weiblicher gagern, den königsthron besteigen würde, was von unberechen-
baren folgen seyn kann. Prokesch, der hier war, ist wieder nach Berlin
zurück, soll aber nach constantinopel kommen, seine stellung in Berlin
ist unhaltbar geworden, ungefähr so wie die hübners in Paris.2 das ist das
loos der intriganten, wie sie schwarzenberg zu lieben scheint. übrigens
muß ich gestehen, daß mir ein diplomatischer Posten, wenn ich ihn mit
ehren annehmen könnte, jetzt lieber wäre als jeder Andere, die dinge hier
gefallen mir gar nicht, und ich möchte fort.
Alle Welt, erzherzog Johann voran, bedauert meine Zurückgezogenheit.
kleyle machte mir neulich vorwürfe, daß ich nichts angenommen habe,
indessen läßt sich die kölnerzeitung meinen eintritt ins ministerium te-
legraphisch melden. übrigens war meine Anstellung nie wahrscheinlicher
als gerade jetzt. Bruck, mit dem ich neulich sprach, ist mit der idee des
1 die revision der oktroyierten verfassung vom 5.12.1848 wurde mit der verkündigung
der neuen verfassung am 31.1.1850 abgeschlossen, auf die der könig am 6. februar den
eid ablegte. die erste kammer setzte sich je zur hälfte aus den königlichen Prinzen, den
häuptern der ehemals reichsunmittelbaren häuser und von weiteren vom könig zu ernen-
nenden erblichen und lebenslänglichen mitgliedern sowie von gewählten vertretern der
höchstbesteuerten und der größeren städte zusammen. die errichtung von neuen fidei-
kommissen blieb untersagt, bestehende sollten per gesetz in freies eigentum umgewandelt
werden, sofern sie nicht als ehemals reichsunmittelbare Besitzungen dem deutschen Bun-
desrecht unterlagen.
2 An der spitze der diplomatischen vertretungen in Berlin und Paris kam es zu keinen ver-
änderungen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien