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Tagebücher330
nun durch ein paar tage thauwetter, heute aber schneyt es wieder dichter
als je, hole der teufel dieses clima. Auch die gicht läßt sich wieder anmel-
den.
[Wien] 24. Jänner
Wir hatten durch einige tage eine fürchterliche kälte, die gestern mor-
gens bis auf 22° r. stieg. nachmittag kam ein ungeheuerer schneefall, der
etwa 12 stunden dauerte, so daß heute alle straßen unfahrbar, ja beynahe
für den fußgänger unwegsam sind. dazu ist heute thauwetter und 2–3°
Wärme!
Am 21., einem jener eiskalten tage, fuhr ich nach Baden, um flore zu be-
suchen, welche krank ist. Auf der rückfahrt hatte ich fata ohne ende: der
train kam statt um 4 erst um 1/4 7, und zwischen Baden und Pfaffstätten
wurden wir verweht und stacken circa 2 stunden lang, kurz es war gegen
10 uhr Abends, als ich zuhause kam.
Wegen triest etc. weiß ich noch gar nichts, in 2 tagen geht die Woche zu
ende, binnen welcher nach Bachs versicherung eine entscheidung getrof-
fen werden sollte, übrigens weiß ich, daß marzani von dort angekommen
ist, und es wäre gar nicht unmöglich, daß wieder hinter meinem rücken et-
was ausgemacht werden dürfte. Je spitzbübischer, desto wahrscheinlicher.
der fasching hinkt so fort, außer osullivan am montage (wo ich auch
einmal auf eine stunde war) und Pereira am samstag sind noch alle mitt-
woche Bälle bey erzherzogin sophie, wo der kaiser mit Wuth tanzt, und
Alles zum tanzen wie zur roboth gezwungen wird. ich als en disgrâce bin
natürlich nie dabey (wie so ganz anders als sonst!!). überhaupt ist mir die-
ser neue hof so fremd, als säße er in china. ich bin doch neugierig, wann
und wie diese meine ungnade zu ende kommen wird. Ich werde keinen
schritt dazu thun, das steht fest, übrigens glaube ich zu wissen, daß man
bey hofe, was soviel sagen will als bey erzherzogin sophie, mich jetzt mit
ganz anderen Augen ansieht als früher. die ruhigere überlegung, mein
verhalten in diesen letzten 10 monathen und wohl auch einige freunde
und freundinnen, die ich in ihrer umgebung besitze (zu diesen letzteren
zähle ich u.a. Gräfin Bergen und die Prinzessinn von Schweden1) dürften
beygetragen haben, ihr die Augen zu öffnen. ich aber vermeide Alles, was
einer Annäherung ähnlich sehen könnte.
ebenso fremd ist mein verhältniß zur gesellschaft, einige Wenige, und
zwar vorzugsweise männer ausgenommen, es ist seit einem Jahre um
Nichts besser geworden. Alles dieses aber macht begreiflicherweise mein
1 gemeint ist wohl Prinzessin Amalie Wasa, eine tochter des 1809 gestürzten königs gustav
iv. Adolf, die in Wien lebte und zum freundeskreis von erzherzogin sophie zählte.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien