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noch manches dazu reduciren die Presse auf null. seit die „Presse“ unter-
drückt worden ist, ist die hiesige Journalistik (deren würdigstes organ sie
war) außerordentlich gesunken.
für frankl und für die österreichische nationalencyclopädie soll ich nun
meine Biographie schreiben, was mich unsäglich langweilt. ich bin, viel-
leicht durch lange unthätigkeit, so unproductiv geworden, daß mich jede
Arbeit, die mehr ist als ein bloßer Journalartikel anwidert. ich glaube nicht
mehr an den nutzen literarischer thätigkeit, oder befriedigt er mich nicht
mehr.
Auch wegen Bildung eines Wahlcomités für den nächsten niederöster-
reichischen landtag bin ich angegangen worden. doch glaube ich, daß die
Zeit dazu erst dann da seyn wird, wenn der landtag ausgeschrieben wird,
wozu vor der hand noch keine Aussicht da ist, dann müßte man sich über
ein festes Programm vereinigen (nicht so wie im April 1848), und da jener
Anstoß, wie mir schien, vom Ministerium ausgegangen ist, so zweifle ich, ob
ich da beytreten könnte.
der leere aufgeblasene schafskopf Bally, selbsternannter diplomat der
weiland centralgewalt, war neulich bey mir, die bekannte handelseinigung
soll nun in Form eines offiziellen Vorschlages durch die Bundeskommission
an die deutschen regierungen geleitet und hiebey noch einige erleichte-
rungen, z.B. zwey Perioden statt 4, gegeben werden.1 das ist recht schön,
wird aber den preußischen Bestrebungen durchaus nicht in den Weg tre-
ten, sondern eben nur ein schritt zur realisirung des engeren und weiteren
Bundes seyn. hier erwartet man mehr davon. in münchen arbeitet man
mehr als je an dem Zustandekommen eines Westdeutschlands oder vierkö-
nigsbundes, was man natürlich von hier aus sehr unterstützt, doch ist diese
idee nicht lebensfähig.
in Preußen hat man mittlerweilen die gefährliche crisis glücklich über-
standen, d.h. die königliche Botschaft vom 7. ist im Wesentlichen angenom-
men, so auch die Pairie, nur ist ihr inslebentreten um 2 Jahre aufgeschoben.
ich hätte gewünscht, daß sie Zeit gehabt hätte sich zu consolidiren, bevor
unser revidirender reichstag zusammengekommen wäre. Auf die erfurter
Wahlen werden diese vorgänge zwar eben kein günstiges resultat haben,
doch wird sich die sache durch ihre innere nothwendigkeit Bahn brechen.2
Bey uns finde ich, sehen die Dinge übel aus. Unzufriedenheit und Miß-
trauen überall, in der Woiwodina und in siebenbürgen ist volle Anarchie,
1 in der am 26.10.1849 veröffentlichten denkschrift zur österreichisch-deutschen Zoll- und
handelsfrage war der übergang zur vollständigen Wirtschaftseinheit in vier stufen vorge-
sehen, vgl. eintrag v. 28.10.1849.
2 die Wahlen zum erfurter unionsparlament fanden am 31.1.1850 statt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien