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Tagebücher338
[Wien] 22. februar
Wir haben jetzt herrliches warmes frühlingswetter, bis 15° r., gerade so
wie im Jahre 1848, also prächtiges revolutionswetter. viele fürchten, ich
glaube, ein leiser Anstoß und alle flammen lodern wieder auf, aber diesen
Anstoß wird niemand als der Zufall geben (?), daher ist mir die nächste
Zukunft unberechenbar. keine Partey will losbrechen, Alles glimmt unter
der Asche, der ganze jetzige Zustand ist ein stillschweigender vergleich
und Waffenstillstand. Aber aus frankreich könnte wieder der sturm kom-
men. von dem oriente befürchte ich ungeachtet der russischen demonstra-
tionen, der bosnischen Aufstände und der englischgriechischen differenz
nichts für den allgemeinen frieden.
erfurt tritt am 20. märz zusammen, ich erwarte gutes. die Wahlen sind
gut, eine frucht des Wahlcensus und der dummen taktik der demokraten
sich zu enthalten. die vier könige schwitzen sich ab, um etwas Anderes zu
finden und ihr kostbares Leben zu retten, wird ihnen nichts nützen, höch-
stens kann aus Altbayern ein österreichisches kronland werden. unser mi-
nisterium benimmt sich dumm wie immer, ärgert sich und veröffentlicht
einen 4 monathe alten Protest gegen den erfurter reichstag, an welchen
aber Preußen wie figura zeigt sich nicht gekehrt hat. dagegen rüstet Preu-
ßen, hat einen credit von 20 millionen thaler von den kammern erhalten
und zeigt uns nun die Zähne, wir aber werden uns bey unseren finanzen
und bey den 80.000 unverläßlichen honvéds in unserer Armée wohl hüten
krieg anzufangen.
die denkschrift wegen der Zolleinigung hat totalen fiasko gemacht.
Preußen und die übrigen deutschen staaten fast ohne Ausnahme spre-
chen der Bundescommission (die beyläufig gesagt eine elende Rolle
spielt und nichts zu thun hat) die competenz ab sich damit zu beschäf-
tigen, und wollen es der freyen verhandlung zwischen den einzelnen
regierungen überlassen wissen. der politische Zweck dieser großmäuli-
gen geschichte wäre also verpufft, und ich gönne Bruck diesen aberma-
ligen fiasco. der kerl zählt seine ministerielle Wirksamkeit nur nach
fiascos.
die confusion in der politischen verwaltung seit der einführung von
Bachs genialer (?) organisation wird immer ärger. die neuen Beamten wis-
sen nicht aus noch ein. mehrere sind schon buchstäblich daran gestorben.
steuern können nicht gezahlt werden, denn man weiß nicht, wem und wo-
hin? nun will Bach über hals und kopf die gemeinden organisiren, das
hätte aber früher geschehen sollen.
es sind so eben einige interessante Broschüren erschienen, eine von stift
über die Bank, eine von ficquelmont über seine erlebnisse des Jahres 1848,
und eine vortreffliche zur Vertheidigung der österreichischen Stände gegen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien