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Tagebücher340
Zang, welcher die „Presse“ in Brünn fortsetzt, hat ihn ersucht, ihn mit mir
in verbindung zu bringen, doch habe ich jetzt keine große lust dazu, vor
einigen monathen war es umgekehrt.
[Wien] 25. februar
Jellachich tritt ab, welche stellung er bekömmt, ist noch nicht entschieden.
gyulai wird Banus und degenfeld kriegsminister.1 hiermit wäre ja auch
die statthalterschaft in dalmatien wieder leer. ob sie mir sie wieder antra-
gen? Jellachich fällt, wie soviele, weil er zuviel versprochen, und da er, wie
ich ihn beurtheile (welches zu äußern aber unter den enthusiastischen Wei-
bern und krautjunkern eine Blasphemie wäre), sehr wenige bedeutende
persönliche eigenschaften besitzt, so wird hiemit seine rolle ausgespielt
seyn, wenigstens bis zu einer neuen südslavischen erhebung, wo aber seine
rolle eine ganz andere seyn dürfte, als es die bisherige war, denn er ist ei-
tel, und gekränkte eitelkeit ist zu Allem fähig.
es ist merkwürdig, wie Alles von den ministern abfällt, selbst die mir
noch vor ein paar monathen wegen ihrer „gutgesinntheit“ unerträglich wa-
ren, jeder aus anderen ursachen. Zwey lehren abstrahire ich mir aus dem,
was ich seit einem Jahre hier beobachte: kein minister kann populär blei-
ben, und er muß mit unabhängigen, ja mit oppositionsmännern in Berüh-
rung bleiben, um auch entgegengesetzte Ansichten zu vernehmen. dieses
thun die jetzigen minister nicht, und daher leben sie in einer künstlichen
Athmosphäre und wissen nichts, was draußen vorgeht. inzwischen fängt es
sich um mich herum wieder mehr zu regen an, als dieses seit 1848 der fall
war, man kömmt zu mir, beschäftiget sich mit mir, etc. die einen machen
mir vorwürfe, daß ich mich so passiv verhalte, und daß man im Publicum
die meinung hege, ich neige gar zu entschieden zur Aristocratie hin, wie
z.B. dr. herrmann, als Präsident des unterstützungskomités2 ein einfluß-
reicher mann und bis noch vor kurzer Zeit ein ultra ministerieller. Andere
fordern mich auf hervorzutreten, etc.
So war heute Zang mehrere Stunden lang bey mir, er gefiel mir viel bes-
ser, als ich mir ihn vorgestellt hatte. er meinte, ich solle mit einer Brochure
oder sonst wie wieder vor die öffentlichkeit treten, und die „Presse“ würde
sich dann an mich schließen. Jedes große Journal müsse seine männer im
hintergrunde haben, die es erforderlichen falles als seine candidaten prä-
1 diese informationen erwiesen sich als falsch. Allerdings wurde general graf August de-
genfeld-schonburg am 13.3.1850 zum sektionschef und stellvertreter des kriegsministers
ernannt und übernahm am selben tag für die dauer einer inspektionsreise von minister
graf franz gyulai nach italien die leitung des ressorts.
2 es handelte sich wohl um ein angesichts der erwarteten Ausschreibung der landtagswah-
len gegründetes komitee, vgl. auch eintrag v. 18.3.1850.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien