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3416.
März 1850
sentiren könne, und ebenso brauche jeder politische charakter ein Jour-
nal, welches ihn trage. dieses fällt mit meinen Ansichten ganz zusammen,
selbst von dem Zweifel an die opportunität meines hervortretens bin ich
in letzter Zeit einigermaßen zurückgekommen, da ich bereits angefangen
habe, meine ideen über die administrative constituirung oesterreichs zu
Papier zu bringen. doch gab ich Zang keine positiven Zusicherungen, sol-
che dinge müssen wohl überlegt werden.
man erzählt mir von den verschiedensten intriguen, einerseits arbeitet
eine coterie: schmerling, Bruck, eskeles, Pereira, meyer etc. auf den rück-
tritt krauss’ und dessen ersetzung durch Bruck (welcher in seinem jetzi-
gen Ministerio noch nicht hinreichende Gelegenheit zum Stehlen findet),
welcher wieder durch eskeles ersetzt werden sollte. Andererseits ist dem
kaiser durch weibliche hand ein mémoire über Bruck’s leben und Wirken
übergeben worden seyn [sic], qui enléve la paille. Welden will abtreten, und
zugleich, daß der Belagerungsstand aufgehoben werde, wogegen sich das
ministerium wehrt, welches überhaupt jetzt mit Welden auf sehr gereiztem
fuße steht. ich aber gehe in ein paar tagen nach lösch, dort will ich einige
tage bleiben und mich sammeln.
[Wien] 6. märz
Am 28. Abends fuhr ich ab, schlief in Brünn und fuhr am nächsten morgen
nach lösch, von wo ich gestern Abends zurückgekommen bin.
dieser kurze landaufenthalt hat mir sehr wohl getan. christiane
[Bel
credi] ist eine allerliebste junge frau, die durch ihre grazie und lie-
benswürdigkeit Alles um sie herum heiter stimmt. Außer ihnen sah ich
niemand als chlumetzky und Albert Widmann, zwey Brünner politische
leaders. egbert selbst steuert mit hohen segeln, declamirt nach seiner ge-
wohnheit viel, wirkt aber auch praktisch in vereinen, versammlungen etc.
und scheint wirklich auf dem Wege zu seyn, sich eine einflußreiche Stellung
in mähren zu erwerben, so ist er z.B. Präsident des historisch-statistischen
vereines.1 überhaupt scheint in mähren ein ziemlich reges leben zu seyn,
mit dem ministerium ist man auch dort sehr unzufrieden, namentlich mit
Bachs elenden organisationen, welche das ganze land in Anarchie verset-
1 graf egbert Belcredi schrieb über den Besuch Andrians in seinem tagebuch am 13.3.1850:
„victor Andrian war einige tage hier auf Besuch. er klagt über das ministerium, die halt-
losigkeit seiner Auswärtigen Politik gegenüber deutschland und den mangel an kenntnis
der practischen und localen verhältnisse, welche die innere Politik zu keinem Ziel gelangen
lässt. die finanzen stehen von tag zu tag schlechter, man spricht immer mehr vom un-
vermeidlichen Bankbruch und der Insolvenz des Staates.“ Jaromír Boček (Hg.), Z deníků
moravského politika v eře Bachově (Egbert Belcredi 1850–1859) (Vlastivědná knihovna
moravská 24, Brünn 1976) 14.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien