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März 1850
ich, ist die Brochure klar und praktisch, das einzige resultat, das ich mir
davon verspreche, ist die öffentliche Aufmerksamkeit auf die reformen zu
lenken, welche auf den nächsten landtagen und dem reichstage auf dem
gebiethe der inneren organisation zu beantragen sind, da die minister ihre
büreaukratischen liebhabereyen nicht aufgeben zu wollen scheinen.
Zang ist hier und will, ich soll mich bey Bach verwenden, daß der Presse
der debit in Wien und später ihre rückkehr hieher gestattet werde. ich
habe es ihm zugesagt, obwohl ich mir wenig erfolg verspreche. Zang will
sich an mich anschließen und hat meine ideen über administrative decen-
tralisation adoptirt. ein großes Journal wäre allerdings ein mächtiger Bun-
desgenosse für mich, besonders da mir der Wanderer immer mehr entglei-
tet, da sich schwarzer immer mehr desselben bemächtigt. ich werde zwar
Bach die Angelegenheit in dem lichte darstellen, als ob er sich dadurch ein
organ erwerben würde, dessen er allerdings jetzt so ziemlich entbehrt, doch
zweifle ich fast, daß er sich über den Löffel wird barbieren lassen. Zang ist
ein practischer durchtriebener kerl, der in Paris Journalistik studiert hat
und, wie er sagt, die nothwendigkeit einsieht, sich an einen mann, an einen
namen anzuschließen. ich muß mich nun ihm gegenüber sicher stellen. Je-
denfalls ist die Presse nicht zu verachten, selbst wenn Bach nicht eingeht.
schmerling hat mir neulich wieder von dalmatien und überhaupt von ei-
ner Anstellung für mich gesprochen. mich ekelt die ganze geschichte schon
an, obwohl ich mehr als jemals den drang nach einer ordentlichen Beschäf-
tigung in mir spüre und gerade in diesen tagen deßhalb sehr verstimmt
war. morgen ist es ein Jahr, daß ich hier müßig gehe. das hätte ich mir
im traume nie einfallen lassen, und es hat wirklich keinen sinn, in einer
Zeit, wo man alle kräfte so nothwendig braucht, mich spatzieren gehen zu
lassen, so urtheilt die ganze Welt und hegt wie natürlich die absonderlich-
sten muthmaßungen, so scheinen auch die minister zu urtheilen, aber den-
noch muß ich glauben, daß es ihre Absicht ist, die männer ihrer Wahl sind
meistens ganz unbrauchbare leute und blamiren sich gleich in den ersten
tagen, so lazanzky, Burger, Wimpffen etc.1 mir scheint, sie fürchten sich
vor capacitäten, und bey der jämmerlichen figur, die sie spielen, begreife
ich es.
trotz alles dessen scheinen ihre Actien momentan wieder besser zu ste-
hen als vor 14 tagen, wenigstens hört man weniger von crisen. mit Jel-
lachich scheint man sich vereinigt zu haben, und er soll nun doch wieder
Banus bleiben. in ungarn und italien rückt nichts vom flecke. gestern
reiste gyulai plötzlich ab, wie man sagt auf eine inspectionsreise nach ita-
1 Graf Leopold Lažanský war Statthalter in Brünn, Friedrich Moritz Burger in Graz, und
graf franz Wimpffen militär- und Zivilgouverneur in triest.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien