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Tagebücher346
[Wien] 23. märz
ich wurde neulich durch ein schreiben des ministeriums des inneren zu ei-
ner Berathung eingeladen – worüber? erfuhr ich erst auf meine Anfrage bey
oettl, nämlich über die italienische organisation. ich habe nun gestern und
heute von 10 uhr morgens bis gegen 3 sitzungen gehabt, worin wir bis nun
das neue gemeindegesetz durchgesprochen haben, übermorgen sollen die
Privincialcongregationen, dann die landesverfassungen und Wahlgesetze
berathen werden. gegenwärtig sind Bach, salm, Pederzani, oettl, lasser,
Weissmann, ich und lessner als referent. montecuccoli kommt dieser tage
an und wird dann auch beywohnen. man erwartet mit nächstem vertrau-
ensmänner aus italien, mit denen jene gesetze dann noch einmal durch-
genommen und sodann publicirt werden sollen. viel gediegenes habe ich
in der commission nicht gefunden, ausgenommen lessner und Pederzani.
salm ist ein wohlmeinender pedantischer dialektiker, oettl ein enragirter
doctrinair, und ebenso, nur mit weniger geist und erfahrung, die beyden
luminaria des ministeriums lasser und Weissmann, von denen ich weit
mehr erwartet hatte. Bach versteht blutwenig, hat nur allgemeine Ansich-
ten und horcht nur auf, wenn eines der abgedroschenen politischen schlag-
wörter vorkömmt. ein eigentliches resultat werden diese gesetze ebenso-
wenig haben als Alles, was das ministerium bisher in ungarn gethan hat,
es hat sich einmal von der Armée das neue Jahr abgewinnen lassen und
ist dadurch ein für allemahl in ein falsches fahrwasser gerathen, solange
die generale regieren, der Belagerungsstand herrscht und der kaiser den
oberbefehl der Armée hat, ist kein vertrauen und kein ordentlicher Zu-
stand möglich, das ministerium aber hat nicht die kraft einzulenken, und
versteigt und verwischt sich täglich mehr. schmerling, mit dem ich heute
auf der straße zusammentraf, klagte mir selbst bitter darüber, es fällt aber
ihm ebensowenig als seinen kollegen ein, ein kategorisches entweder oder
zu sprechen, und meine sache ist es nicht, sie darauf aufmerksam zu ma-
chen, nützen sie sich ab, wie dieß bey Allen, namentlich bey schmerling,
der noch vor wenig monathen hier eine große, mir freylich unerklärliche
Popularität besaß, der fall ist, so ist es mein schaden nicht.
Wer noch am meisten einen gewissen nimbus sich erhalten hat, ist Bach,
trotz dem oder vielleicht weil über ihn von gewissen seiten am ärgsten ge-
schimpft wird. der grund davon liegt in der unläugbaren geschicklichkeit,
mit welcher er von Zeit zu Zeit der öffentlichen meinung einen liberalen
Brocken hinzuwerfen versteht, vor Allem aber darin, daß er ein Bürgerli-
cher ist und bisher weder Adel noch einen orden angenommen hat, so weit
zurück sind noch die politischen Begriffe unseres Publikums.
Wegen Zang habe ich noch keine Antwort, da ich auch Bach deßhalb
nicht drängte, einstweilen ist mit andern ministern und mit Welden gespro-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien