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April 1850
gehen und nie irre werden. dieses Jahr der verfolgung und Widerwärtig-
keit wird mir, wie ich hoffe, viel genützt haben.
deym sagte mir, er habe gehört, der kaiser sey persönlich dagegen, daß
ich angestellt werde, das werde ich nun zu ergründen suchen, und sollte es
wahr seyn, nun so gilt mein kampf nicht mehr bloß dem ministerium, son-
dern höher, und um so glänzender, wenn auch später, wird mein triumph
seyn. Wer weiß, wer noch von uns Beyden die glänzendere carrière macht.
doch glaube ich es nicht, erstlich weil wirklich kein grund dazu da wäre,
wenigstens nicht seit märz 1848, und das frühere taugte ja großentheils in
seinen eigenen kram, dann weiß ich, daß erzherzogin sophie ungefähr in
dieser nämlichen Weise über mich urtheilet und z.B. von meinem nichtem-
pfang in olmütz nichts wußte und sogar darüber ungehalten war. ist etwas
an jener Abneigung, so ist es bloß, sowie damals in olmütz, schwarzenbergs
Werk. ich habe in meiner Brochure, worin ich sonst alles politische vermie-
den und bloß die administrative frage: centralisation in der verwaltung
oder nicht? behandelt habe, am schlusse in wenigen aber scharfen Worten
meine Ansicht über die deutsche frage gezeichnet, und diese werden mich
mit schwarzenberg nicht versöhnen. das wollte ich auch nicht. ich habe
diese kitzliche frage berührt, weil ich, abgesehen von dem interesse an
der sache selbst, die ziemlich allgemeine Ansicht berichtigen wollte, wel-
che mich, unbegreiflich genug, als einen Deutschthümler bezeichnet! Ich
glaube, diese Worte werden in Böhmen etc. enthusiasmus erregen.
gestern traf ich bey mathilde Berchtold mit haynau zusammen, den ich
seit mailand nicht gesehen hatte. Wir geriethen gleich bey den ersten Wor-
ten halb im scherze halb im ernste ziemlich hart aneinander, da ich aber
tüchtig ripostirte, so wurden wir bald die besten freunde. er ist ein origi-
nal, übrigens glaube ich ein gutmüthiger kerl (was freylich ganz europa
nicht glaubt) von einer grenzenlosen eitelkeit und nicht sehr viel verstand.
heute war franz Wimpffen lange bey mir.
[Wien] 16. April
ich glaube, die dinge stehen jetzt auf der kippe, nämlich in Beziehung auf
mich. diese zweifelhafte stellung, weder als freund noch als feind des mi-
nisteriums, einerseits bey hofe in ungnade, andererseits vom ministerium
zu wichtigen konferenzen beygezogen, kann ich nicht länger annehmen,
wenn ich mich nicht politisch todtschlagen will, abgesehen davon, daß sie
mich paralysirt und nach und nach beym Publicum in vergessenheit bringt
oder gar in ein falsches licht stellt. Wenn ich nicht in die lage versetzt
werde, mich durch meine administrative thätigkeit (ohne mich jedoch mit
dem ministerium politisch zu faufiliren) hervorzuthun, so erfordert es die
sorge für meine eigene Zukunft, offen als gegner desselben hervorzutre-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien