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April 1850
vor dem märz, wie im Jahre 1848. der kaiser ist jung und unerfahren,
ist umgarnt von schwarzenberg und den ministern, und von grünne, wel-
che wenigstens in dieser Beziehung zusammenhalten und niemanden in
seine nähe lassen, der eine andere Ansicht als die ministerielle ausspre-
chen könnte. es gibt nun wenig männer, welche diese mauer durchbrechen
könnten, z.B. Welden, Jellachich, und diese Wenigen sind entweder nicht
die leute dazu, oder hat man sie bey ihm schon im voraus discreditirt. ich
fürchte, wir werden keine veränderung sehen, bis nicht eine neue revolu-
tion aufräumt, die aber dann auch das monarchische Prinzip wegschwem-
men wird, und das wird vielleicht gar nicht mehr so lange dauern. ob dann
oesterreich beysammen bleibt? muß sich erst zeigen. einstweilen aber muß
man die Waffen brauchen, die einem geblieben sind, z.B. die Presse. Zang
tritt viel zu gemäßigt auf, und ich habe ihm ernstlich bedeuten lassen, eine
größere energie zu entwickeln im Angriffe auf das ministerium, während
er andererseits wieder viel zu viel in kleinigkeiten häkelt, soll er, wie er es
will, mein Blatt werden, so muß er es anders anstellen.
Wären die hiesigen Zustände nicht so misérabel, so würde ich eine rie-
senadresse an den kaiser gegen die neuen kirchengesetze beantragen, aber
nicht nur der Belagerungsstand hindert jedes solche unternehmen, son-
dern mehr noch der vormärzliche indifferentismus und indolenz, welche
unter dem schatten der Bajonnette besonders bey den gemäßigten wieder
einheimisch geworden sind. die nächste Bewegung wird diese leute gerade
so unbeholfen, unorganisirt und widerstandsunfähig finden wie im Jahr
1848. dieses ist die folge des nie enden wollenden Belagerungsstandes. es
gibt keine Parteyen, sondern nur isolirte individuen.
[Wien] 29. April
ich höre nun doch von riesenpetitionen und Adressen an den kaiser um
Zurücknahme der letzten kirchengesetze, andererseits will der hiesige
katholikenverein als gegendemonstration eine dankadresse votiren. Bey-
des ist mir recht, denn es beurkundet politische rührigkeit. man hat mich
heute angegangen, mitglied des katholikenvereins zu werden!! ich habe
weder Ja noch nein gesagt.
Auch gegen die einkommenssteuer sollen demonstrationen und Peti-
tionen im Werden seyn. Andererseits erschreckt, wie ich höre, die mini-
ster die geringe theilnahme bey den Wahlen zum neuen gemeinderathe,
oder vielmehr die (meiner Ansicht nach jedenfalls ungeschickte) tactik der
schwarzgelben, sich dieser Wahlen zu enthalten,1 was diese dummen kerls
1 gemeint ist die eintragung in die Wählerlisten für die Wiener gemeinderatswahlen, die
Wahlen selbst fanden erst vom 30.9.–8.10.1850 statt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien