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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 359 -
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35929. April 1850 vor dem märz, wie im Jahre 1848. der kaiser ist jung und unerfahren, ist umgarnt von schwarzenberg und den ministern, und von grünne, wel- che wenigstens in dieser Beziehung zusammenhalten und niemanden in seine nähe lassen, der eine andere Ansicht als die ministerielle ausspre- chen könnte. es gibt nun wenig männer, welche diese mauer durchbrechen könnten, z.B. Welden, Jellachich, und diese Wenigen sind entweder nicht die leute dazu, oder hat man sie bey ihm schon im voraus discreditirt. ich fürchte, wir werden keine veränderung sehen, bis nicht eine neue revolu- tion aufräumt, die aber dann auch das monarchische Prinzip wegschwem- men wird, und das wird vielleicht gar nicht mehr so lange dauern. ob dann oesterreich beysammen bleibt? muß sich erst zeigen. einstweilen aber muß man die Waffen brauchen, die einem geblieben sind, z.B. die Presse. Zang tritt viel zu gemäßigt auf, und ich habe ihm ernstlich bedeuten lassen, eine größere energie zu entwickeln im Angriffe auf das ministerium, während er andererseits wieder viel zu viel in kleinigkeiten häkelt, soll er, wie er es will, mein Blatt werden, so muß er es anders anstellen. Wären die hiesigen Zustände nicht so misérabel, so würde ich eine rie- senadresse an den kaiser gegen die neuen kirchengesetze beantragen, aber nicht nur der Belagerungsstand hindert jedes solche unternehmen, son- dern mehr noch der vormärzliche indifferentismus und indolenz, welche unter dem schatten der Bajonnette besonders bey den gemäßigten wieder einheimisch geworden sind. die nächste Bewegung wird diese leute gerade so unbeholfen, unorganisirt und widerstandsunfähig finden wie im Jahr 1848. dieses ist die folge des nie enden wollenden Belagerungsstandes. es gibt keine Parteyen, sondern nur isolirte individuen. [Wien] 29. April ich höre nun doch von riesenpetitionen und Adressen an den kaiser um Zurücknahme der letzten kirchengesetze, andererseits will der hiesige katholikenverein als gegendemonstration eine dankadresse votiren. Bey- des ist mir recht, denn es beurkundet politische rührigkeit. man hat mich heute angegangen, mitglied des katholikenvereins zu werden!! ich habe weder Ja noch nein gesagt. Auch gegen die einkommenssteuer sollen demonstrationen und Peti- tionen im Werden seyn. Andererseits erschreckt, wie ich höre, die mini- ster die geringe theilnahme bey den Wahlen zum neuen gemeinderathe, oder vielmehr die (meiner Ansicht nach jedenfalls ungeschickte) tactik der schwarzgelben, sich dieser Wahlen zu enthalten,1 was diese dummen kerls 1 gemeint ist die eintragung in die Wählerlisten für die Wiener gemeinderatswahlen, die Wahlen selbst fanden erst vom 30.9.–8.10.1850 statt.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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