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Tagebücher360
dabey beabsichtigen, ist ihnen selbst nicht klar, vor der hand soll es eine
demonstration seyn, daß ihnen der frühere Zustand, wo allerdings nicht
gewählt wurde, lieber war – wie viehisch dumm!
[Wien] 7. may
morgen früh reist der kaiser nach triest, er wird circa 10 tage ausbleiben,
ihn begleiten schwarzenberg, Bach, Bruck und schmerling, als hätten sie
nicht Wichtigeres hier zu thun.
mittlerweile gestalten sich die Aspekten immer trüber, trüber als sie
vielleicht jemals seit october 1848 gestanden, der kaiser soll sehr nach-
denklich und bekümmert seyn. die unzufriedenheit über die kirchenge-
setze und die zunehmende desorganisation in ungarn und siebenbürgen
haben sogar die eherne mauer durchdrungen, welche das ministerium und
grünne um ihn gezogen haben. eine dankdeputation des katholikenverei-
nes hat er nicht vorgelassen, um nicht dann auch zahllose deputationen im
entgegengesetzten sinne empfangen zu müssen.
Auch die geldverhältnisse werden immer schlechter, das silber steht
schon auf 19 % trotz der enormen Anstrengungen, die krauss (zum ruine
der finanzen) macht, um es und die 5 % Papiere zu halten, das italienische
Anlehen kommt nicht zu stande, und man wird also, wie bereits ausgespro-
chen, zu einer Zwangsanleihe schreiten müssen.1 Wie man aber eine solche
realisiren will, ist mir noch nicht klar. die Arméeauslagen absorbiren noch
immer für sich allein die gesammten einnahmen, an eine reduction denkt
man nicht und kann bey schwarzenbergs schuljungenpolitik nicht denken.
dazu kömmt noch hess mit seinen riesenhaften Befestigungsplänen und
militärbauten und Bruck mit seinen Bauten und Auslagen aller Art, jeder
minister wirthschaftet hirnlos für sich fort, kreirt tausende von Beamten
etc. etc., als hätten wir überschüsse von millionen.
Meine Brochure findet großen Beyfall und geht reißend ab. Manz sagte
mir neulich, daß er von einer Auflage von 2400 nur mehr 500 Exemplare
auf dem lager habe. Besprochen ist sie bisher hier noch wenig worden, d.i.
in den Journalen, die ministeriellen Blätter suchen sie so lange als mög-
lich zu ignoriren, kuranda hat aus alter rancune gegen mich bisher ihre
Besprechung unterdrückt und bloß einen Auszug geliefert, so bleibt denn
von hiesigen Blättern nur der Wanderer. mehr besprochen wird sie in den
Provinzen, obwol nur in Böhmen, Brünn und Agram eine eigentliche poli-
1 tatsächlich war im April in lombardo-venetien eine freiwillige Anleihe ausgeschrieben
worden, die trotz verlängerung der subskriptionsfrist nur zu einem Zehntel der erwarteten
summe gezeichnet wurde. erst im november 1850 wurde sie durch eine Zwangsanleihe
ersetzt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien