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Mai 1850
tische Presse existirt, die ungarische ist bey dem Ausnahmszustande nicht
zu zählen. Auf die südslavischen stimmen bin ich begierig, die nun bald
sich hören lassen werden, ebenso auf die czechische „union“.1 Am meisten
aber sprechen die auswärtigen deutschen Blätter davon. daß die Brochure
übrigens im ministerium tiefe sensation erregt hat, beweist die aus dem
ministerium des inneren ausgehende „oesterreichische correspondenz“,
welche noch mehrere Artikel darüber verspricht. die eigentliche discussion
wird, glaube ich, erst beginnen.
Bey meiner jetzigen stellung, wo ich mit dem ministerium gebrochen
habe und mich theilweise der conservativen Partey wieder nähere, müßte
es mir wünschenswerth erscheinen, mich, wenn dieses ohne mir von meiner
seite etwas zu vergeben geschehen könnte, dem hofe wieder zu nähern,
und es sind deßhalb ohne mein direktes Zuthun schritte durch zwey erz-
herzoginnen geschehen, welche, wenn sie auch vor der hand zu keinem
direkten resultate geführt haben und durch die Abreise des kaisers unter-
brochen worden sind, doch immer ihre früchte getragen haben dürften.
im übrigen ist meine existenz nichts weniger als beneidenswerth, und
ich fühle es bitter, bey meinem so lebhaften Bedürfnisse nach Beschäf-
tigung und Wirkungskreis ohne allen solchen zu seyn und vor der hand
keine (sichere) Aussicht zu haben, einen solchen zu erlangen, unzufrieden
mit Allem was geschieht, gereizt und verletzt durch hundert verschiedene
ursachen und dabey für keine Art von Zerstreuung mehr empfänglich, da-
her immer nur durch Eine Idee praeoccupirt, da ist es begreiflich, wenn
manchmal auf Augenblicke die nerven nachlassen. sonst konnte ich stu-
diren, mich amusirte wenigstens zuweilen die große Welt, oder reisen etc.,
jetzt ist das Alles nicht mehr, und ich concentrire mich immer mehr und
finsterer in mir selber.
da es nun sommer wird, so treibt es mich um so mehr von hier fort,
obwohl ich nicht weit und lange von hier weg will, denn wer weiß was ge-
schieht, nous sommes sur un volcan. in das Ausland gehe ich schon deßwe-
gen nicht, dann auch wegen der nahmhaften coursdifferenz, also großen
geldverlustes, vielleicht gehe ich nach ischel.
erfurt ist vertagt, ein fürstencongress auf den 8. nach Berlin berufen
zur Beschlußfassung über die Beschlüsse des Parlamentes, die vereinba-
rung wird wohl erfolgen, besonders da oesterreich nun endlich die alte
Bundesversammlung wieder einberufen und fritz thun als neuen Präsidi-
algesandten nach frankfurt geschickt hat! Also!! – – nun dürfte die sache
1 die Prager „union“ erschien in deutsch und galt als sprachrohr der tschechischen födera-
listen. redakteur war zunächst Augustín smetana, seit 3.4.1850 Wilhelm (vilém) gabler
und ab 1.9.1850 Anton springer.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien