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Tagebücher362
zum klappen kommen und, wenn oesterreich den engeren Bund hindern
will, zum kriege! Aber wie den führen? Auch in frankreich gährt es immer
mehr, diesen sommer dürfte sich manches ereignen.
[Wien] 11. mai
hingenau von Brünn, der mir schon vor 8 tagen einen Brief dankender Zu-
stimmung zu meiner Brochure geschrieben und ein recht zeitgemäßes Büch-
lein von ihm (vertrauliche Briefe aus Wien1) geschickt hatte, kam neulich
hieher, um mich zu sprechen und wegen organisirung einer Parthey (die
ich nur die englische, im gegensatze zu der französischen, centralisirenden
nennen könnte) zu berathen. ich habe ihm und seinen freunden haupt-
sächlich litterarische thätigkeit unter Adoptirung meines Programmes im
wesentlichen empfohlen. dergleichen organisirungen werden meistens mit
großem eifer betrieben und im momente, da man sie fertig hat, durch ir-
gend ein unvorhergesehenes ereigniß gesprengt. das habe ich schon oft er-
fahren. dennoch aber muß man, wenn einem solche Anerbiethen gemacht
werden, sie nicht von der hand weisen.
die einzige Aufgabe einer solchen Partey könnte jetzt die seyn, das mi-
nisterium zu stürzen, ob sodann eines meiner farbe nachfolgen, ob es sich
erhalten könnte oder an kaiser und militair zerschellen würde? ist mir
zweifelhaft, und ich glaube fast, daß nichts übrig bleibt, als als fatalist
die hände in den schooß zu legen und zuzusehen, die blinde, ungeschickte
restauration wird ihren gang fortgehen, bis eine blutige revolution, die
dießmal gegen den thron gerichtet seyn wird, ihr ein Ziel setzt, und was
hierauf geschieht, vermag niemand vorauszusehen.
ich habe kolb einen ausführlichen Brief über die hiesigen Zustände und
meine Anschauungsweise derselben geschrieben. die Allgemeine Zeitung
ist so ekelhaft ministeriell geworden, daß ich es für gut hielt, ihm einmal
ganz offen meine Ansichten zu sagen, obwohl ich mir kein eigentliches re-
sultat verspreche. Zugleich sollte dieses als Antwort auf seine im vorigen
herbste an mich gestellte Bitte dienen.
der hiesige verein zur verbreitung von druckschriften für volksbildung,
dem ich vor circa 8 tagen beytrat, hat mich zum director gewählt,2 und
ich habe es gerne angenommen, erstlich weil ich hoffe, aus diesem noch
schwachen vereine etwas machen zu können, und dann weil es mich in
1 Vertrauliche Briefe aus Wien. Geschrieben im Jänner 1850 (Leipzig 1850); die anonyme Bro-
schüre wird weder in den Katalogen noch in den biografischen Einträgen Freiherr Otto von
hingenau zugeschrieben. hingenaus Brief an Andrian v. 30.4.1850 in k. 115, umschlag 666.
2 die Wahl erfolgte am 2.5.1850, Andrian wurde davon am 7. mai verständigt (k. 115, um-
schlag 666).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien